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Nach Messerangriff aus dem Vorjahr: Schöffengericht verurteilt Uelzener Cousins

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Von: Lars Becker

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Mit einem ähnlichen Brotmesser war eine Frau am 31. Mai 2021 in der Uelzener Goethestraße im Bereich von Hals und linker Wange verletzt worden.
Mit einem ähnlichen Brotmesser war eine Frau am 31. Mai 2021 in der Uelzener Goethestraße im Bereich von Hals und linker Wange verletzt worden. © Privat

Das Schöffengericht Uelzen hat zwei Cousins zu Bewährungsstrafen verurteilt. Die 26 und 30 Jahre alten Männer aus Uelzen hatten ihren Vater beziehungsweise Onkel sowie dessen Begleiterin tätlich angegriffen, wobei die Frau mit einem Brotmesser im Halsbereich schwer verletzt wurde.

Uelzen – Das Schöffengericht am Amtsgericht Uelzen hat unter dem Vorsitz von Richter Rainer Thomsen einen Fall verhandelt, der für Aufsehen in der Hansestadt gesorgt hatte: Am 31. Mai 2021 hatten zwei Cousins gegen 23.30 Uhr an der Goethestraße ihren Vater beziehungsweise Onkel sowie dessen Begleiterin unter anderem mit einem Brotmesser angegriffen, das eine 20 Zentimeter lange Wellenschliff-Klinge hatte.

Die Frau erlitt eine zwölf Zentimeter lange Schnittwunde im Bereich von Hals und linker Wange. Zudem mussten beide Opfer Schläge und Tritte einstecken, trugen Hämatome und Prellungen davon. Die Polizei hatte anfänglich wegen versuchten Totschlags ermittelt. Verhandelt wurde nun „nur“ wegen gemeinschaftlicher gefährlicher Körperverletzung gegen die 26 und 30 Jahre alten Männer aus Uelzen.

Der Fall spielt im Umfeld einer polnischen Familie. Die Hintergründe lassen sich im Prozess nicht bis ins Detail aufklären. Fest steht für alle Prozessbeteiligten nur, dass sich ein Streit offenbar immer weiter hochgeschaukelt hat – und dann eskalierte.

Nebenklägerin erneut gewaltsam attackiert

Die Frau, die durch das Messer verletzt worden war, ist die Nebenklägerin. Sie aber war offenbar erneut Opfer eines gewalttätigen Übergriffs geworden – möglicherweise durch den Vater und Onkel der Angeklagten, der auch selbst als Zeuge geladen ist. Zudem hat sie psychisch an den Folgen des Übergriffs zu knabbern: Sie hält sich für entstellt, hat Angstzustände und Schlafstörungen. Sie wird durch Rechtsanwältin Juliane Bertram vertreten.

Die Aussage der Frau ist aber gar nicht erforderlich: Vor Prozessbeginn gibt es ein Verständigungsgespräch. Für den Fall eines Geständnisses stimmen alle Parteien einem abgesteckten Strafrahmen zu, der Bewährungsstrafen vorsieht. Zudem steht über DNA-Material auf dem Griff des Brotmessers fest, dass der Jüngere dieses benutzt hatte. Ihn erwartet daher die deutlich höhere Strafe.

Unter Einfluss von Drogen und Alkohol

Über ihre Anwälte legen die Angeklagten dann auch Geständnisse ab. Der Ältere bietet von sich aus zudem die Zahlung von Schmerzensgeld im Wege eines Täter-Opfer-Ausgleichs an, der Jüngere steht auf und sagt: „Es tut mir leid, Entschuldigung!“ Beide lassen ausrichten, sehr an einer Beruhigung der familiären Verhältnisse interessiert zu sein. Beide waren zum Tatzeitpunkt nicht vorbestraft, erst danach wurde der 30-Jährige wegen Diebstahls zu einer Geldstrafe verurteilt.

Er ist es auch, der in der Tatnacht unter Einfluss von Alkohol und Drogen steht. Das Gutachten der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) weist 1,1 Promille aus – außerdem THC und die Partydroge MDMA. Im Blut seines Cousins wird ein geringer THC-Wert nachgewiesen.

Erster Staatsanwalt Konstantin Paus stellt in seinem langen Plädoyer fest: „Die Nebenklägerin wird diesen 31. Mai 2021 nie vergessen, weil sie jeden Tag beim Blick in den Spiegel durch die Narbe im Gesicht an das Geschehen erinnert wird.“ Paus nimmt an, dass in der Familie „etwas schlummert“ – immerhin sei der Frau die Aussage erspart worden. Nebenklage-Vertreterin Juliane Bertram betont, dass ihre Mandantin „mit den kleinsten Dingen völlig überfordert“ sei und noch immer leide. Umso wichtiger seien die Entschuldigungen.

Geständnis rettet vor langer Haftstrafe

„Ohne Geständnis und all das wäre es nicht bei einer Strafe im bewährungsfähigen Rahmen geblieben. Dann wären Sie für eine erhebliche Zeit ins Gefängnis gegangen“, liest Richter Rainer Thomsen dem Angeklagten die Leviten, der das Messer eingesetzt hatte. Er wird zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr und neun Monaten verurteilt. Der Ältere bekommt eine Bewährungsstrafe von einem Jahr, drei Jahre lang dürfen sie sich nichts zu schulden kommen lassen.

Die Urteile sind noch nicht rechtskräftig, das sieht die Strafprozessordnung nach einem Verständigungsgespräch nicht vor. Alle Beteiligen kündigen aber an, auf Rechtsmittel zu verzichten.

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