Vierjährige stirbt an Insulinmangel – Eltern glaubten an Germanische Medizin

„Sie sind für den Tod verantwortlich“

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Prozessauftakt gestern in Hannover (von rechts): die Angeklagte Antje B., Verteidiger Matthias Macht, der Angeklagte Baldur B. und Verteidiger Christian Wöhlke.

Uelzen/Hannover. Die vierjährige Sieghild starb Weihnachten 2009 an Insulinmangel – heute hat das Landgericht Hannover die damals in Wieren lebenden Eltern deshalb zu je acht Monaten Haft auf Bewährung wegen fahrlässiger Tötung verurteilt.

„Sie sind die Einzigen, die für den Tod von Sieghild verantwortlich sind“, sagte der Vorsitzende Richter Wolfgang Rosenbusch in der Urteilsbegründung.

Das Schwurgericht folgte damit nur in Teilen der Anklage der Staatsanwaltschaft, die unter anderem die rassistische Gesinnung der Eheleute als Ursache für eine unzureichende Behandlung mit Insulin gesehen hatte. Antje und Baldur B. hätten die Tochter vom Insulin entwöhnen und stattdessen mit Rohkost behandeln wollen, so der Vorwurf.

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Laut Anklage sollen die Eltern die Hormongabe bewusst reduziert haben, weil sie an die Heilvorstellungen der „Neuen Germanischen Medizin“ glaubten. Dahinter steht der mehrfach verurteilte ehemalige Arzt Ryke Geerd Hamer, mit dem die Mutter Kontakt hatte. Die Eltern waren im Neonazi-Milieu aufgewachsen, ihre fünf Kinder tragen altdeutsche Namen. Die Mutter wuchs in der vom rechtsextremen Anwalt Jürgen Rieger geleiteten „Artgemeinschaft“ auf, der Vater war Mitglied in der 1994 verbotenen „Wiking-Jugend“, wie beide vor Gericht aussagten. Nach Einschätzung des Gerichtes hätten die Eltern „Sieghild knapp, aber ausreichend mit Insulin versorgt“. Das gelte allerdings nicht für die Tage vor dem Tod der Vierjährigen kurz vor Weihnachten. „Spätestens am Vormittag des 24. Dezember hatten Sie die Pflicht zum Handeln“, so der Vorsitzende des Schwurgerichtes. „Sie wussten, dass die Gefahr eines Insulinmangels besteht.“

Die Eltern hatten selbst am Heiligabend, als die Tochter in der Wierener Wohnung Blut spuckte, zunächst nichts unternommen. Erst als das Kind nicht mehr atmete, alarmierten sie den Notarzt. Stundenlang kämpften Ärzte zunächst im Krankenhaus Uelzen und dann in der Medizinischen Hochschule Hannover um das Leben des Mädchens – vergeblich. Es starb am ersten Weihnachtstag.

Doch nicht nur unmittelbar vor dem Tod seien die Eltern ihren Verpflichtungen nicht nachgekommen, so die Richter: „Sie haben keine vernünftige medizinische Begleitung für Ihr Kind veranlasst.“ Im Alter von zwei Jahren war der Diabetes festgestellt worden, nach einer ersten medizinischen Einstellung hatten die Eltern Sieghild zwei Jahre lang keinem Arzt mehr vorgestellt – bis zu ihrem Tod.

Von Thomas Mitzlaff

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