Eine Schülerin von Wolfgang Stulpe erinnert sich: Gedrehte Sex-Videos waren offenes Geheimnis

„Es muss alles ausgesprochen werden“

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Klare Worte zu Wolfgang Stulpe: Die Stadt hat einen Einleger für den Ausstellungskatalog zur Stulpe-Sammlung erstellt. Darin wird auf die „tiefgreifende, sexuelle Fehlorientierung“ des Stifters eingegangen.

Uelzen. Erinnerungen verblassen, wie Stimmen leiser werden und schließlich ganz verstummen. Dann wieder bahnen sich die Ereignisse von einst ihren Weg ins Bewusstsein, scheinen nur wenige Augenblicke zurückzuliegen.

Seit Oktober ergeht es Silke S* so, sie hört das verschämte Gekicher, das leise Tuscheln wieder, das sie für Jahre nicht vernahm. Darüber zu sprechen fällt ihr nicht leicht, es wühlt sie auf, Fragen beschäftigen die 48-Jährige. Die Finger nesteln an der Tischkante, immer wieder wird ihre Stimme im Gespräch ganz dünn, sie atmet schneller. Silke S. war Schülerin von Wolfgang Stulpe. 35 Jahre ist das her. Doch seitdem in der Öffentlichkeit über die Bildersammlung des Pädagogen wieder diskutiert wird, meint sie, es müssen viel weniger Jahre sein, so präsent ist der heute 48-Jährigen nun wieder, was ihr als Mädchen zugetragen wurde, worüber die Mitschüler hinter vorgehaltener Hand leise redeten, aus Angst es könne ein Erwachsener mitbekommen: Dass im Badezimmer des Herrn Stulpe in seiner Wohnung in Uelzen Pornohefte lagen, dass Jungen in diesem Raum beim Durchblättern der Magazine masturbierten, dass die Schüler dabei fotografiert und gefilmt wurden. „Es war ein offenes Geheimnis, was geschah. Es wurde ausgesprochen, dass Pornofilme gedreht wurden“, sagt Silke S.

Als die Polizei 2002 Ermittlungen gegen Wolfgang Stulpe wegen des Verdachts des sexuellen Missbrauchs Schutzbefohlener aufnahm, fanden Beamte 30 Kartons mit Dias und 430 Videokassetten mit pornografischem Inhalt. Wenige Tage später nahm sich Wolfgang Stulpe das Leben.

Silke S* beschäftigen Fragen, da ihr die Erinnerungen wieder so „nahe“ sind. „Wie konnte so lange all das unter der Decke bleiben?“. Warum wurde nur immer geflüstert und es nicht laut ausgerufen? Sie hat nicht die eine, alles erklärende Antwort darauf parat, aber sie berichtet von einem Erlebnis aus der eigenen Familie, das „bezeichnend“ sei: Als junges Mädchen habe sie ihre Ferien in einem Jahr bei Verwandten, „einer Tante und einem Onkel“, verbracht. Bei dem Besuch habe sich der Onkel ihr eindeutig genähert. „Mein Glück war, dass ich damals recht groß gewachsen war. So konnte ich meinen Onkel an den Handgelenken packen“ – Silke S. deutet mit den Händen die Situation an – „und schob ihn an die Wand, zog dann noch das Knie hoch.“ Sie habe gleich mit ihrer Mutter telefoniert, um ihr vom Vorfall zu erzählen. „Halt bloß den Mund. Du wirst beschimpft werden, wenn du das erzählst“, gibt die 48-Jährige die Worte ihrer Mutter am Telefon wieder. Als sie nach Hause gekommen sei, habe sich die Mutter noch einmal erklärt: „Sie hat mir gesagt, dass bereits andere weibliche Familienmitglieder von solchen Annäherungsversuchen berichteten. Sie wurden nicht ernst genommen, teils noch selber dafür verantwortlich gemacht, dass es zu solchen Situationen kam“, so Silke S. „Da wird deutlich, wie hilflos man war.“ Die Stimme von Silke S. ist nun ganz dünn. Sie könne sich vorstellen, dass es auch den Jungen so erging, sie sich ohnmächtig fühlten in einer Gesellschaft, die seinerzeit noch viel verkrampfter mit der Sexualität umgegangen sei als heute.

„Ich finde es gut, dass nun Sex nicht mehr tabuisiert wird, dass die jungen Menschen offen sprechen“, sagt die 48-Jährige. Auch Silke S. will offen sprechen, wandte sich aus diesem Grund auch an die AZ. „Es muss alles ausgesprochen werden, damit nicht immer nur von Mutmaßungen die Rede ist“, sagt Silke S. Dass Schüler bei der Onanie gefilmt worden seien, stehe für sie außer Frage. „Ein Junge äußerte sich. Ich könnte Namen nennen, aber die Betroffenen müssen von sich aus das Schweigen brechen“, so die 48-Jährige. Sie wünsche sich, dass die Diskussion über die Bildersammlung dazu führe, dass betroffene Männer sich der Vergangenheit stellen, sich helfen lassen und dass sich die Gesellschaft mit Themen wie Pädophilie auseinandersetzt. Ihre Sätze klingen, als ob sie sich auch selbst ermahnt. Wie Silke S. sagt, seien die Erinnerungen an das „offene Geheimnis“ nach ihrem Schulabgang verschüttet gegangen.

Auch mit ihrem Cousin sprach sie nicht mehr darüber. Er gehörte zu den Jungen, die Wolfgang Stulpe zu Hause besuchten. Seinerzeit, so schildert es die 48-Jährige, habe es eine Laienspielgruppe mit einem festen Stamm von Schülerinnen und Schülern gegeben. Es seien die kräftigeren, hochgewachseneren Jungen ab der 5. Klasse gewesen, die in der Theatergruppe mitwirken konnten. Das sei ihr nicht verborgen geblieben. Stulpe habe sich im Unterricht auch offen zum Körperbau von Jungen geäußert. „Wer knabenhafter, schmächtiger war, bekam das auch zu hören. Das war teilweise verletzend“, sagt Silke S. Jungen aus der Laienspielgruppe hätten dann Einladungen von Stulpe für Besuche bei ihm in der Wohnung erhalten. Auch ihr Cousin habe zu den Eingeladenen gehört. Als Erwachsener habe er dann durchgesetzt, dass sein Sohn in einer anderen Schule unterrichtet wird.

Der Cousin erlebte nicht mehr, wie gegen Stulpe ermittelt wurde. Er erlag zuvor einem Krebsleiden. *Name geändert

Von Norman Reuter

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