Musikalisches à la Orient

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Das Göttinger Symphonie Orchester musizierte im Neujahrskonzert unter der Leitung eines eloquenten Christoph Mueller; die Gesangssolistin war Antje Bitterlich.

Uelzen - Von Barbara Kaiser. Wiederholung braucht Rituale. So auch ein Jahreswechsel. Deshalb halten viele Leute den Abschied von den alten zwölf Monaten ohne die Noten von Beethovens Neunter für nicht durchführbar. Genauso unerlässlich sind für die Bewillkommnung des jungen Jahres vermeintlich Johann-Strauß-Partituren. Für Uelzen heißt das Ritual – schönes wie vertrautes – ein Neujahrskonzert mit dem Göttinger Symphonie-Orchester. Wenn Christoph Mueller am Pult steht, sind Schwung und Genuss garantiert.

Mueller ist Schweizer, besitzt aber den liebenswerten Charme, den das Vorurteil dem Wiener zuschreibt; der Dirigent jedenfalls weiß seine kundige Moderation damit witzig zu würzen. Die sprichwörtliche Präzision seiner Heimat hingegen verlangt er von seinem Orchester. Diese bewährte Mischung bestimmte gestern wieder einen erfreulichen Auftritt im ausverkauften Theater an der Ilmenau. Genaue, klug konzentrierte Einsätze, musikalisches Charisma und Spielfreude – alles auf dem sicheren Grund handwerklichen Könnens.

Zum Thema hatten sich die Gäste „1001 Nacht“ gewählt. Exotisch Orientalisches also aus der Sicht europäischer Tonsetzer; beginnend, als des Orients angenehme und nicht mehr nur kriegerische Seiten bis hierher schwappten. In Form von Kaffee beispielsweise.

Die Musiker begannen mit der Ouvertüre von Mozarts „Entführung aus dem Serail“, um danach Peter Cornelius‘ „Barbier von Bagdad“ vorzustellen. Auch Carl Maria von Weber verirrte sich als Schöpfer der deutschen Nationaloper nach Osten und komponierte die komische Oper „Abu Hassan“. Für den Russen Michail Glinka lag mit dem Glanz Mittelasiens der Orient vor der Tür; nach Alexander Puschkins Poem „Ruslan und Ludmilla“ schrieb er sein Bühnenwerk.

Die Göttinger parlierten mit schwereloser Eindringlichkeit und liebevoller Nuancierung. Makelloses Blech und Schlagwerk, in den persischen und arabischen Vorbildern unverzichtbar, großformatiges Streicherleuchten mit Überzeugungskraft und schönem Temperament. Als Sängerin begleitete die Musiker Antje Bitterlich, eine sehr präsente Sopranistin, koloraturbewehrt, wenn auch hin und wieder ein wenig textschwach.

Nach der Pause erklang der unvermeidliche Johann Strauß, mit einem kurzen Abstecher zu seinem Bruder Joseph, für den Christoph Mueller eine Präferenz zu haben gestand. Walzer, Märsche und ein Ausflug in die Operette, die dem Programm den Titel gab.

Die Zugabe schwenkte nach England zu Sir Edward Elgar, allerdings nicht zu seinem grandiosen „Pomp & Circumstance“, sondern zu einem „wilden Bären“ aus einer Ballettsuite. Antje Bitterlich erhielt frenetischen Applaus für ihre Adele, auch wenn die „Fledermaus“ nichts mit dem Orient zu tun hat. Genauso wenig wie der Schlusspunkt der zweieinhalb Stunden – na, was schon: der „Radetzkymarsch“.

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