JVA im Breidenbeck

Hinter Uelzener Gittern: Musik als Chance zur Flucht aus dem Gefängnis-Alltag

Tommy Bluhm-Sieling bringt Inhaftierten in der Justizvollzugsanstalt Uelzen das Gitarrespielen bei.
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Tommy Bluhm-Sieling bringt Inhaftierten in der Justizvollzugsanstalt Uelzen das Gitarrespielen bei. Das Musiktherapie-Angebot stößt auf große Resonanz.

Wer in der JVA Uelzen eine langjährige Haftstrafe absitzen muss, ist für jede Abwechslung dankbar. Insofern ist es kein Wunder, dass das neue Musiktherapie-Angebot sehr begehrt ist. Dabei vermittelt ein Bediensteter – selbst Musiker – Kenntnisse an der Gitarre. 

Uelzen – Daniel W. verbindet Musik mit vielen schönen Erinnerungen. Beim Klang der Gitarre gehen seine Gedanken auf Reisen – zurück in die Zeit, als er am Lagerfeuer sitzend der Musik seiner Onkel lauschte. Dann denkt er auch an die Familienfeiern mit den vielen Gästen, die fröhlich singen, klatschen und ausgelassen feiern.

Seit drei Jahren finden diese ohne ihn statt. Daniel W. verbüßt eine langjährige Haftstrafe in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Uelzen. Durch die Teilnahme an einer neuen Freizeitmaßnahme hat er einen Weg gefunden, um seiner Familie und dem Leben in Freiheit zumindest im Herzen nahe zu sein.

Plätze im Kurs sehr begehrt

Auf den Gitarrenkurs, der seinen Haft-Alltag so einschneidend veränderte, ist Daniel W. durch einen Aushang aufmerksam geworden. Das Interesse unter den Insassen war groß, „ich war froh einen Platz bekommen zu haben“, berichtet er. Denn können in jedem Kurs nur maximal fünf Teilnehmer angeleitet werden.

Dabei war die Idee für dieses Projekt eher einem Zufall geschuldet, erklärt Martina Forster, die als Seelsorgerin in der JVA Uelzen tätig ist, in einer Pressemitteilung der Haftanstalt. „Ein JVA-Bediensteter, der auch privat in einer Band Musik macht, erklärte einem Gefangenen Gitarrengriffe“. Diese Beobachtung war der Anstoß für die Idee, dass eben Tommy Bluhm-Sieling einen Gitarrenkurs im Rahmen der Musiktherapie anbieten könnte.

Mittlerweile läuft das Projekt seit einem halben Jahr, wöchentlich wird ein Termin angeboten, heißt es aus der JVA im Breidenbeck. Notenkenntnisse sind nicht zwingend erforderlich, der Schwerpunkt liegt auf dem Erlernen und Spielen eines Instrumentes in der Gruppe.

Nach ersten Erfolgen jetzt in der Anstaltsband

Die Teilnehmer werden gefördert, gefordert und haben Erfolgserlebnisse. „Anfangs sind die Griffe ungewohnt und die Hände schmerzen, aber es macht Spaß und ich freue mich über die Fortschritte“, berichtet Daniel W., der nach vielen kleinen Teilerfolgen nun sogar in der Anstaltsband spielt.

Auch die Ausstattung hat sich verbessert. Die bislang genutzten Gitarren waren Leihgaben der Anstaltsseelsorge. „Diese waren aber arg bespielt und mussten ersetzt werden“, so Forster. Unterstützung kam vom „Silberstreif e.V.“: Der Förderverein der JVA übergab der Kursleitung kürzlich fünf Gitarren, um das Projekt zu unterstützen und weiter auszubauen.

Immerhin ist das Projekt mehr als nur reine Freizeitgestaltung: Viele Inhaftierte hätten große Schwierigkeiten damit, Emotionen und Gefühle zum Ausdruck zu bringen, „Je weniger Worte ein Mensch für das hat, was er denkt oder fühlt, desto mehr neigt er dazu, diese über Gewalt und Aggressionen zum Ausdruck zu bringen“, so die Initiatoren. Zudem fördere es die Selbstreflexion und das Durchhaltevermögen, wenn ein Instrument erlernt werde.

Griffe lernen für „Country Roads“

Daniel W. übt aktuell die Griffe für den Song „Country Roads“ der „Hermes House Band“. Bezüglich der Musikrichtung ist er offen – Rock, Pop, Rockabilly Musik. Besonders hat es ihm die Gipsy-Musik angetan, die traditionelle Musik der Sinti und Roma. Von Familienangehörigen erhält er regelmäßig Notenblätter. Sie freuen sich auf Bühnenauftritte, wenn Daniel W. zurück in Freiheit ist.

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