Ein MRSA-Keim zerstört das Leben

Horst Stenschke hat gerade wieder Operationen in der Medizinischen Hochschule Hannover hinter sich. Seine Frau Magdalene unterstützt ihn im Krankenhaus und Zuhause. Foto: Baatani

Uelzen. „Ich wollte noch so viel machen“, sagt Horst Stenschke aus Brockhöfe. Doch er liegt im Krankenhausbett der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH).

Stenschke wollte mit seiner Familie die Heimat Wollstein in Polen besuchen und ihnen zeigen, wo er früher gelebt hat. Der 80-Jährige kann es auch nach zwei Jahren noch nicht fassen, dass ein Krankenhaus-Keim, der so genannte MRSA (der Methicillin-resistente Staphylococcus aureus), sein Leben so verändert hat. Dass der lange Leidensweg im Klinikum Uelzen begonnen hat, steht für die Familie fest. Damit ist Horst Stenschke ein weiterer Patient, der dem Klinikum mangelnde Hygiene und eine MRSA-Infektion vorwirft – ein ähnlicher Fall wie SPD-Ratsherr Heinz Eckert aus Altenmedingen, der ebenso wie Stenschke seit einer Infektion mit dem antibiotikaresistenten Erreger während einer Hüft-Operation im Klinikum Uelzen vor drei Jahren auf einen Rollstuhl angewiesen ist und Klage beim Landgericht Lüneburg eingereicht hat. Wie am vergangenen Mittwoch berichtet, fordert Eckert 100 000 Euro Schadensersatz. Horst Stenschke war im August 2009 mit starken Schmerzen in der Hüft-Gegend ins Klinikum eingeliefert worden. Dort erhielt er zunächst eine Infusion. Als er Herzrhythmusstörungen spürte, wurde Stenschke auf eine Wachstation verlegt. Einen Tag nach der Verlegung wunderten sich Stenschke und seine Frau Magdalene über die Rötung am Zugang der Kanüle und machten das Personal darauf aufmerksam. Die Kanüle wurde entfernt und die Wunde versorgt, berichtet die Frau des Patienten – „mal mit Mullbinden, mal mit einem Eisbeutel in einem Geschirrhandtuch“. „Kommt da nichts mehr drunter“, habe Magdalene Stenschke noch gefragt. – Seitdem wurde der gesundheitliche Zustand ihres Mannes schlimmer. Die Schmerzen wurden stärker, die Entzündungswerte stiegen stark an, da wurde zum ersten Mal erwähnt, dass der Senior mit MRSA infiziert war. Er wurde auf die Intensivstation verlegt und in ein künstliches Koma versetzt. „Die Organe versagten alle, Darm, Niere, es sammelte sich Gewebewasser an“, schildert Magdalene Stenschke. Sie blieb ständig bei ihm und begann die einzelnen Behandlungsschritte zu protokollieren. Am nächsten Tag wurde die Familie von den Medizinern schon darauf vorbereitet, dass sie mit dem Schlimmsten rechnen müsse. Doch nach einer Woche konnte Stenschke aus dem Koma geholt werden. Es folgte eine Reihe an Untersuchungen, die ermitteln sollen, woher die starken Schmerzen kamen und wo der MRSA-Keim stecken könnte. Die Hüfte wurde erst Wochen nach der Krankenhaus-Aufnahme geröngt. Doch anstelle einer Operation wurde Stenschke Anfang Oktober zur Reha nach Bad Bevensen geschickt. Dort stellten die Mediziner fest: Der Keim sitzt in der Hüfte. Der Brockhöfer wurde nach Hannover verlegt, operiert, die Wunde gespült und durch ein spezielles Antibiotikum konnte der MRSA-Keim entfernt werden. Ohne Keim konnte später auch die Hüft-Operation an der Medizinischen Hochschule stattfinden. – Doch erfolglos. Es folgte eine weitere Not-Aufnahme im Klinikum Uelzen, wo Stenschke nicht operiert und auf Bitten der Familie schließlich wieder zur MHH überwiesen wurde. Auch nach zwei Jahren kann die eigentlich routinemäßige Operation an der Hüfte nicht durchgeführt werden. Ärzte der MHH raten davon ab, da der Keim nur ruhiggestellt sei und jederzeit wieder ausbrechen könnte, sagt Magdalene Stenschke. Vor sieben Wochen ist die Wunde wieder aufgeplatzt und musste in Hannover erneut behandelt werden. „Ich habe keine Hüfte mehr“, erklärt Stenschke selbst. Wenn er es mit Hilfe der Familie schafft, Nachbarn und Bekannte zu besuchen, freut er sich. „Der wäre heute nicht mehr, wenn ich nicht überall mit hingewesen wäre“, sagt Magdalene Stenschke und meint damit auch die Unterstützung der gesamten Familie, das mache ihr Mann immer wieder deutlich.

Von Diane Baatani

Kommentare