Serie „Schätze oder verlorene Plätze?“ – Der Krülkengrund / Historische Straße ist Grundlage für blutige Sage

Teil 4: Mord an einem Kaufmann

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Ob dieser Steindurchlass der "Napoleonsbrücke" tatsächlich während der Franzosenzeit entstand, ist fraglich.

Hösseringen. Die Vögel zwitschern, die Blätter der Bäume rascheln am Waldweg im Wind – eine friedliche Szenerie für einen Tatort: Ein Kaufmann wurde hier ermordet, zwischen Hösseringen und Suderburg, so wird erzählt. Aus Habgier.

Der Täter, ein Raubritter, soll es auf den wohl mit Geld gefüllten Mantelsack des Braunschweigers abgesehen haben, später sei er von den Verwandten des Opfers aufgespürt und an der Stelle seiner Tat hingerichtet worden. So viel Blut. Der Ort bekommt einen Namen: Krülkengrund.

Die sogenannte „Napoleonsbrücke“ an der früheren Celler Heerstraße ist ausgeschildert.

Ulrich Brohm weiß bei einem Fußmarsch zu eben jenem Platz zu berichtet, dass „Krülken“ der Name des Raubritters war, den man nach seiner Hinrichtung an Ort und Stelle auch verscharrt haben soll. Aber der Leiter des unweit gelegenen Hösseringer Museumsdorfes erzählt das alles mit heiterem Gesichtsausdruck. Der Grund: Nichts von dem, was über diese Taten erzählt werde, sei wahr, so Brohm. „Es ist eine Sage.“

Aber Sagen entstehen nicht aus dem luftleeren Raum. Wie kam es dazu, dass jemand die Geschichte des Raubritters Krülken erdachte, dass sie noch heute überliefert ist? Es ist der Ort der angeblichen Taten, der eine Rolle spielt. Denn wenngleich wohl kein Braunschweiger dort sein Leben lassen musste, so ist die Stelle doch geschichtsträchtig. Sie gehörte einst zur sogenannten Celler Heerstraße.

Jahrhundertelang diente sie als Verbindung von Mecklenburg nach Celle. 1504 ist die Reise des Herzogs Heinrich von Mecklenburg nach Hessen entlang der Celler Heerstraße überliefert. Klar ist auch: Ab dem 17. Jahrhunderte wird sie zudem als Postroute genutzt. Und dass in der Nähe mehrere Ferngaststätten betrieben wurden, zeugt von einem regelmäßigen Verkehr auf der Verbindung.

Viel ist nicht mehr von der Celler Heerstraße zu sehen und von einem angeblichen Tatort: Ein Weg führt zwischen Hösseringen und Suderburg durch ein Waldstück in Richtung Nordosten.

Der Waldweg, der von der Celler Heerstraße heute noch übrig ist, stößt auf die Straßenverbindung von Suderburg und Hösseringen. Und unweit von dort lässt sich auch ein Nachweis für die einstige Bedeutung der Route finden. Eine „Napoleonsbrücke“ ist ausgeschildert.

Der Name täusche, sagt Brohm. Der mit viel Aufwand geschaffene Durchlass aus Feldsteinen wurde wohl nicht während der Zeit der napoleonischen Besetzung (1806-1813) geschaffen. Gleichwohl wurden Napoleon viele Straßen und Brückenbauten zugesprochen, auch diese Brücke. Mit Sprengungen wurden für sie die Feldsteine geteilt, davon erzählen Einkerbungen in den Blöcken.

Ab 1840 verlor die Celler Heerstraße an Bedeutung, nachdem neue Chausseen entstanden waren, unter anderem die 1825 fertiggestellte Verbindung von Lüneburg nach Braunschweig. Ab 1882 war die Celler Heerstraße nur noch ein öffentlicher Weg.

Gut mit dem Rad oder zu Fuß zu erreichen: In der Nähe des Hardausees zwischen Hösseringen und Suderburg liegt der Krülkengrund.

Wann die Geschichte der Straße ihren Anfang nahm, ist indes unklar. Gab es sie schon zu Zeiten der Suderburg? Belege gebe es dafür nicht, so Brohm. In der Burg, deren Geschichte sich anhand von schriftlichen Quellen zwischen 950 und 1150 verfolgen lässt, soll Krülken zusammen mit anderen Raubrittern gehaust haben. „Dass die Suderburg ein Nest von Raubrittern war, darf aber auch bezweifelt werden“, meint der Historiker Brohm.

Er spricht bei der Entstehung der Sage um den Krülkengrund von einem „Reflex auf geschichtliche Tatsachen“: Die Celler Heerstraße existierte wie auch die Suderburg. Und es gebe Bezüge zur Entstehung der Verbindung von Holdenstedt nach Breitenhees. Denn so endet die Sage um den Krülkengrund: Noch lange nach der Hinrichtung des Raubritters hätten an der Stelle große Findlinge gelegen, die so aneinandergereiht wurden, dass sie das Bild einer Männergestalt ergaben. Im 19. Jahrhundert aber sind diese Findlinge für den Bau der Straße von Holdenstedt nach Breitenhees genutzt worden. Eine neue Straße, ein neuer Schauplatz für viele Geschichten. Die Verbindung ist heute Teil der B 4.

Von Norman Reuter

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Auf einen Blick

Der Krülkengrund

Die Sage von einem ermordeten Kaufmann hat der Suderburger Pastor Wilhelm Oberdieck in seinem 1910 erschienenen Buch „Geschichte Suderburgs“ aufgeschrieben.

Lage: In Höhe des Hardausees geht ein Waldweg von der Straße zwischen Suderburg und Hösseringen in Richtung Nordosten ab. Dabei handelt es sich um den Verlauf der früheren Celler Heerstraße. Eine Verbindung von Mecklenburg über Dömitz, Dannenberg, Uelzen, Holdenstedt, Holxen, Suderburg, Hösseringen, Dalle, Eschede bis nach Celle, die ab 1840 ihre Bedeutung verlor. Unweit der Abzweigung ist die Napoleonsbrücke zu entdecken, sie ist ausgeschildert.

Der Krülkengrund wie auch die Brücke sind gut mit dem Rad oder zu Fuß zu erreichen. Aber natürlich gilt: Die Stätten dürfen betrachtet, aber keinesfalls verändert werden.

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