Kommentar von AZ-Redakteur Andreas Urhahn zur "Fridays-For-Future"-Demo in Uelzen, sowie zur aktuellen Klima-Debatte

In der Mitte der Gesellschaft

Am Freitagvormittag fand in Uelzen eine "Fridays-For-Future"-Demo mit rund 1.300 Teilnehmern statt. 
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Am Freitagvormittag fand in Uelzen eine "Fridays-For-Future"-Demo mit rund 1.300 Teilnehmern statt. 

„Es ist nicht deine Schuld, dass die Welt ist, wie sie ist, es ist nur deine Schuld, wenn sie so bleibt“, lauten bekannte Liedzeilen der Band „Die Ärzte“. Dass das zutrifft, hat die gestrige „Fridays for Future“-Demonstration gezeigt.

1.300 Menschen aller Altersklassen marschierten durch die Uelzener Innenstadt, um für eine klimagerechtere Politik zu demonstrieren: Schüler, Eltern, Großeltern, Politiker, Auszubildende. Der gesamte Querschnitt der Bevölkerung war vertreten. Das heißt: Was vor knapp über einem Jahr als Schülerstreik begonnen hat, entwickelt sich hin zu einer bürgerlichen Bewegung.

Die von so vielen Mitbürgern zu Schulschwänzern reduzierten Demonstranten haben es geschafft, ihr Anliegen zu etablieren – ja, in die Mitte der Gesellschaft zu tragen. Kein Strohfeuer, keine Modeerscheinung – die Bewegung wächst beständig weiter.

Die polemische Debatte um Smartphones und McDonalds-Besuche, um Schule schwänzen und Nicht-Mülltrennung halten den demonstrierenden Nachwuchs nicht auf. Er scheint begriffen zu haben, dass echte, umfassende Veränderung von oben kommen muss.

Ja, es werden Verbote sein und Regeln. Das Leben wird teurer werden. Das ist es auch, was ihren Gegnern Angst macht. Nichts tut so weh wie der Griff in den eigenen Geldbeutel. Doch dieser könnte wesentlich tiefer ausfallen, wenn nicht in absehbarer Zeit reagiert wird. Wenn die Folgen des menschengemachten Klimawandels erst einmal unumkehrbar sind, dann könnte es sein, dass auch der tiefste aller Griffe die Welt nicht mehr retten kann.

Retten wird uns auch nicht die Suche nach jedem Gramm Kohlenstoffdioxid, das diese engagierten jungen Menschen verbrauchen, in dem Leben, das ihnen von vorangegangenen Generationen vorbereitet wurde. Sie tragen nicht die Schuld daran, dass ihre Eltern sie möglicherweise mit einem SUV zur Schule bringen. Die Kinder für die Taten der Eltern verantwortlich zu machen – was man gemeinhin Sippenhaftung nennt – ist nach dem dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte glücklicherweise nicht mehr möglich.

„Revolution in Deutschland? Das wird nie etwas. Wenn die Deutschen einen Bahnhof stürmen wollen, kaufen die sich noch eine Bahnsteigkarte“, sagte Lenin einst. Vielleicht stimmt das aber gar nicht mehr.

VON ANDREAS URHAHN

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