Angst vor einer zerbrechenden Familie

Missbrauchsprozess in Uelzen: Jüngere Stieftochter sagt gegen Ex-Polizisten aus

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Der heute 72-jährige Ex-Polizist, hier mit Verteidigerin Silke Jaspert, soll seine beiden Stieftöchter zwischen 2008 und 2013 missbraucht haben.

Uelzen – Im Prozess gegen einen Ex-Polizisten, der seine beiden Stieftöchter missbraucht haben soll (AZ berichtete), hat gestern das jüngere mutmaßliche Opfer vor dem Landgericht in Lüneburg ausgesagt.

Die heute 22-Jährige berichtete von Zeiten, in denen der Stiefvater ihr bei Mathe-Aufgaben half, mit der Familie nach Norwegen in den Urlaub fuhr.

Sie schilderte aber auch Momente, in denen es im Kinder-, Arbeits-und Wohnzimmmer zu sexuellen Übergriffen gekommen sein soll. Aufschlüsse gab der fünfte Prozesstag auch darüber, wie sehr die Familie inzwischen vom mutmaßlichen Missbrauch geprägt ist.

Zu Beginn des Prozesses hatte die ältere der beiden Stieftöchter ausgesagt. Dort knüpfte Richter Thomas Wolter gestern an, und wurde deutlich. Was er von der älteren Schwester und über sie gehört habe, könne man kritisch bewerten. Deshalb: „Sagen Sie nur die Wahrheit!“, mahnte er. Sie könne aber auch vom Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch machen. Das mutmaßliche Opfer wollte jedoch aussagen.

2009 habe sie wegen einer Lebensmittel-Unverträglichkeit unter Bauchschmerzen gelitten, erklärte die 22-Jährige. Der Stiefvater sei dann abends zu ihr gekommen und habe ihr den Bauch gestreichelt – es sei der Ausgangspunkt für die Übergriffe gewesen.

Für ein etwaiges Urteil will das Gericht es genau wissen. Details des Alltags und der Übergriffe werden erfragt. Immer wieder gibt die 22-Jährige an, sich nicht mehr genau erinnern zu können. Das verwundert Verteidigerin Silke Jaspert. An Belangloses erinnere sich die Zeugin, beim „Wichtigen“ habe sie Erinnerungslücken.

Es war die ältere Stieftochter, die den Missbrauch zuerst in der Familie thematisierte. Wohl in einem Brief an den leiblichen Vater. Letztlich gab auch die jüngere Tochter an, missbraucht worden zu sein. „Ich wollte das auch verdrängen. Hatte auch Angst, dass die Familie zerbricht, wenn ich darüber rede“, sagte sie in diesem Kontext. Als sie es dann doch thematisiert habe, sei der Stiefvater zu ihr gekommen und habe sich entschuldigt. Es sei ja nicht so schlimm gewesen. Er habe dann ergänzt, wenn sie ihn anzeige, müsse er ins Gefängnis. Als die Stieftochter gestern die Sätze formulierte, schaute der Angeklagte mit gesenktem Haupt nach unten – wie so oft an den Verhandlungstagen.

VON NORMAN REUTER

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