Seelsorger Rainer Henne schafft in der Justizvollzugsanstalt den Gegensatz zum Gefängnisalltag

20 Minuten Redefreiheit

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In einer Welt voller verschlossener Türen hält er einen Schlüssel parat: Gefängnisseelsorger Rainer Henne bietet den Häftlingen in persönlichen Gesprächen und gemeinsamen Gottesdiensten ein Stückchen Freiheit.

Uelzen. „Der Knast wirkt wie ein Brennglas: Alles fokussiert sich auf einen selbst und man ist damit alleine. “ So beschreibt Rainer Henne die veränderte Lebenswelt von Gefangenen in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Uelzen.

Sein Job besteht darin, den Inhaftierten in dieser Situation eine Stütze zu sein.

Henne ist Seelsorger im Uelzener Gefängnis. In gemeinsamen Gottesdiensten oder im Vier-Augen-Gespräch kann er denen, die es wünschen, ein Stück weit Freiheit anbieten: „Allein die Möglichkeit, einmal im Monat 20 Minuten reden zu können, ohne genauestens darauf zu achten, was man sagt, wirkt befreiend.“ Denn gegenüber Mitinsassen wie auch dem Gefängnispersonal müssten die Häftlinge auf jedes Wort achten. „Es ist ein geschlossenes System, in dem sich jede Menge Druck aufbauen kann“, erläutert der Pastor, „da haben solche Momente eine Ventilfunktion.“

Während im Knast-Alltag permanent die begangenen Straftaten des Einzelnen im Vordergrund stünden, könne er dies – zumindest für eine Zeit lang – in den Hintergrund stellen. Ohne das Verbrechen zu verdrängen, könne er eine andere Perspektive einnehmen. Entscheidend sei auch seine Schweigepflicht, sie schafft die Grundlage für ein Vertrauensverhältnis bei den Gesprächen.

Deren Inhalte sind ganz unterschiedlicher Natur. Manchmal geht es um die persönliche Auseinandersetzung mit den eigenen Taten, aber auch die Frage nach den Konsequenzen der Inhaftierung für die Familie spielt eine große Rolle. „Was bin ich für ein Ehemann oder Vater“, formuliert Henne das ins Wanken geratene Selbstverständnis, „welchen Rollen kann ich gerade nicht gerecht werden.“ Auch mit Häftlingen, die an einen Selbstmord denken, sieht sich Henne regelmäßig konfrontiert: „Die Suizidrate ist im Gefängnis mindestens sechsmal höher, als draußen.“

In den Gesprächen kämen auch Probleme zu Tage, die die Insassen schon lange Zeit mit sich herumschleppen: „Etwa 70 Prozent der Gefangenen haben in ihrer Kindheit oder Jugend schwere traumatische Erfahrungen machen müssen“, so der Seelsorger, „das entschuldigt nichts, aber es erklärt manches.“ Bei sich selbst merkt Henne den Gegensatz zwischen Gefängnisalltag und Gesprächssituation ebenfalls: „Die Basis meiner Arbeit ist Vertrauen und doch ist das Misstrauen hier untereinander allgegenwärtig.“ Es sei ein Spagat, der an die Substanz ginge. Seit mehr als fünf Jahren ist er in der JVA tätig und diese Zeit hinterließ Spuren. „Andererseits vergeht kaum ein Tag, an dem ich auf dem Weg nach Hause nicht merke: Es ist sinnvoll, was ich tue.“

Auch die Gottesdienste – die Möglichkeit, sie spontan zu besuchen, die ungezwungene Atmosphäre, für manche auch das Singen – all das seien kleine Momente der Freiheit von großem Wert für die Häftlinge. Und eine Herausforderung für den Pastor: Denn da die Besucher aus den unterschiedlichsten Religionen stammten, gelte es, die Gemeinsamkeiten herauszustellen.

Von Karsten Tenbrink

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