Die 13 toten Rinder von Wrestedt: Landwirt behauptet, in einer persönlichen Krise gesteckt zu haben

„Das ist für mich psychisch krank“

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Abgemagerte Rinder fristen ihr Dasein auf dem Bauernhof in der Gemeinde Wrestedt, wo im Oktober vergangenen Jahres die verhungerten und verdursteten Tiere entdeckt wurden. Manche mussten anschließend eingeschläfert werden.

Uelzen/Wrestedt. Unscheinbar sitzt der Landwirt im karierten Hemd auf der Anklagebank im Amtsgericht Uelzen, er spricht leise. Es ist der Landwirt, auf dessen Hof in der Gemeinde Wrestedt 13 tote Rinder gefunden wurden. Der Fall von Tierquälerei machte viele fassungslos.

Wieso mussten die Tiere qualvoll verhungern und verdursten?

Erklärungsversuche lieferte der 44-Jährige gestern, weil er gegen den vom Amtsgericht verhängten Strafbefehl von 100 Tagessätzen à 60 Euro Einspruch eingelegt hat. Die Tierärztin, die die toten Rinder entdeckt hatte, schildert dagegen die Bilder, die sie noch heute vor Augen hat. Dass er schuld am Tod der Tiere ist und nie wieder Rinder halten darf, erkennt der Beschuldigte laut eigener Aussage an. 6000 Euro will der Wrestedter aber nicht zahlen. Das sei ihm finanziell nicht möglich.

Der Landwirt galt in seinem Ort offenbar als tierlieb. Als die Tierärztin die toten Rinder, eher durch Zufall, im Oktober vergangenen Jahres auf dem Gelände des Mannes entdeckte, habe sie eine Nachbarin noch aufhalten wollen und den Angeklagten verteidigt. „Dann habe ich ihr die toten Tiere gezeigt“, schildert die Tierärztin. „Da hat sie geholfen, die noch lebenden Tiere aus dem Stall zu treiben.“

Niemand im Ort will bemerkt haben, was auf dem Bauernhof vor sich ging. „Als ich ankam, habe ich Rinder gesehen, die keinen guten Eindruck machten“, berichtet dagegen die Tierärztin. Die Jungtiere seien mager und struppig gewesen. Eigentlich war sie gekommen, um einen Zettel an die Tür des Bauern zu hängen, weil der sich bei ihr länger nicht gemeldet habe.

Zwei Monate zuvor habe die Tierärztin bei einer Kontrolle Mängel festgestellt. Da sei es um Anbinderichtlinien, Milchhygiene und Sauberkeit gegangen. „Das waren alles solche Dinge, wie sie bei Altbetrieben schon mal vorkommen“, erzählt sie. „Dass das in so einer Eskalation mündet, das habe ich in elf Jahren nicht erlebt.“ Die Tierärztin glaubt, dass dem Landwirt innerhalb von zehn, zwölf Tagen sein Leben entglitten sei.

Als erschütternden Anblick beschreibt die 51-Jährige das, was sie im Maststall vorgefunden hat: Zwei tote Rinder lagen – offenbar schon länger – in kniehoher Gülle. „Ein noch lebendes Kalb stand zwischen den toten.“ Der Kot sei ihr von oben in die Stiefel gelaufen.

Mit Verstärkung der Polizei brach sie den Kuhstall auf. Und fand weitere vier tote Kühe. Eine Kuh habe halb tot im Mist gelegen. „Das war ein ganz, ganz armes Tier. Es konnte nicht mehr selbst trinken.“ Die Tierärztin schläferte es ein. Ein Rind habe sich selbst mit der Kette, an der es angebunden war, stranguliert: „Das hat sich noch richtig gequält.“ Ein Kalb lief neben seiner toten Mutter herum. Die angebundenen Rinder hätten keine Chance gehabt. Während der Entdeckung der Tiere sei der Landwirt nicht da gewesen. „Ich habe ihn angerufen, dass er herkommen und die Suppe auslöffeln soll“, sagt sie. Aber er ist nicht aufgetaucht. „Es war furchtbar, die Kadaver mit Ketten aus der Scheiße zu ziehen. Das ist für mich psychisch krank, wenn ich tote Tiere finde.“

Während die Tierärztin diese verstörenden Aussagen macht, verzieht der Landwirt keine Miene. „Ich musste meine Eltern pflegen, weil sie beide dement sind“, sagt er. Die Situation habe sich über Monate zugespitzt. „Das ist mir über den Kopf gewachsen.“

Richterin Meike Wulff hält dem Mann vor, dass seine Nachbarn ihm geholfen hätten. „Ich kann es mir heute auch nicht mehr erklären“, antwortet er. „Ich habe aus Scham nicht um Hilfe gebeten, und wenn ein gewisser Punkt erreicht ist, kann man das nicht mehr.“ Die Tierärztin sieht das anders: „Einmal ein ‘Ich kann die Tiere nicht mehr füttern’ – das erwarte ich von einem Tierhalter.“

Derzeit ernährt sich der Angeklagte, der noch im Ackerbau tätig ist, von Aushilfsarbeiten bei landwirtschaftlichen Betrieben und Speditionen. Sein Einkommen betrage ungefähr 1000 Euro im Monat, rechnet sein Verteidiger vor. Für den Einsatz auf seinem Hof und Beseitigung der Kadaver habe ihm der Landkreis Kosten von 6000 Euro in Rechnung gestellt. Das Gericht entscheidet deshalb, die Geldstrafe auf 90 Tagessätze à 30 Euro herabzusetzen. Das sind 2700 Euro, oder anders gesagt: gut 200 Euro für jedes tote Tier.

Von Sandra Hackenberg

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