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Mit dem Messer auf Kneipentour: "Ist das mittlerweile schon normal?"

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Tatort Gudesstraße: Hier auf dem Bürgersteig stach der 48-jährige Mann mit einem Messer zu.

Man mag manchmal gar nicht mehr glauben, was man heutzutage in den Polizeiberichten auch bei uns in der Provinz lesen muss. Da will ein 48-Jähriger, also ein gestandener Mann und womöglich sogar Familienvater, der einem Beruf nachgeht und schon seit Jahren hier wohnt, am Samstagabend feiern gehen.

Er packt sein Geld ein, den Haustürschlüssel – und ein Messer. Ein Messer? Was veranlasst einen vermeintlich ganz „gewöhnlichen“ Kneipengänger, sich in Uelzen zu bewaffnen? Ist das mittlerweile schon so normal, dass niemand das mehr hinterfragt?

Der 48-Jährige will an der Gudesstraße in eine Kneipe gehen, es kommt zu einem kurzen Wortgefecht mit ein paar jungen Leuten und dann soll der Mann plötzlich und unvermittelt dieses Messer gezogen und einem 21-Jährigen in den Hals gestochen haben. Das Opfer hat viel Glück, die Klinge verfehlt Halsschlagader und Kehle nur um wenige Zentimeter. Die Polizei ist blitzschnell da und verhindert Schlimmeres. Der Täter war ihr bislang nicht bekannt. Das Opfer wird im Krankenhaus notoperiert. Soweit die Fakten, wie sie bis heute bekannt sind. Das Motiv zu ermitteln, den Vorfall juristisch aufzuarbeiten, ist jetzt Sache von Polizei und Gericht.

Und doch sind es diese vielen Fragen, die da bleiben. Wie viele Kneipengänger sind heutzutage bei uns in Uelzen bewaffnet? Muss ich wirklich jederzeit damit rechnen, an einem unbeschwerten Abend das zufällige Opfer von Gewalt zu werden? Die Polizei spricht in der Kneipenszene Gudesstraße von einem erhöhten Aggressionspotenzial, das sie schon seit längerer Zeit beobachtet. Und zwar bei Menschen jeder Nationalität. Um es deshalb an dieser Stelle nochmals deutlich zu sagen: Täter und Opfer waren Deutsche.

Irgendetwas hat sich verschoben in den vergangenen Jahren. Polizisten werden brutal angegangen, weibliche Gäste ebenso und wer zufällig gerade kein Messer dabei hat, greift zum Bierglas, um es dem Türsteher über den Kopf zu ziehen. Diese absolute Verrohung, dieses Wegfallen jeder Hemmschwelle – es macht einen fassungslos und auch wütend.

Der mutmaßliche Angreifer von der Gudesstraße ist derweil längst wieder auf freiem Fuß. Das Gericht schätzt die Fluchtgefahr als gering ein. Das mag so sein. Aber den Menschen ist schwer vermittelbar, dass der wahrscheinliche Messerstecher schon wieder fröhlich an der Gudesstraße feiern darf, während sein Opfer noch im Krankenhaus liegt. Dass „Schwere der Tat“ als Haftgrund nicht gereicht haben soll, um ihn bis zu einer Verhandlung einzusperren.

Dass der junge Bundeswehrsoldat noch lebt, war eine Sache von Zentimetern. „Um Haaresbreite hätte ich meinen kleinen Bruder verloren, wegen nichts“, sagt der schockierte Familienangehörige später zur AZ. Du bist der Nächste, habe der Angreifer noch zu ihm gesagt, bevor er festgenommen wurde. Und entsprechend seinen Daumen über Hals und Kehle gezogen. Wer trägt die Verantwortung, wenn das keine leere Drohung war?

Von Thomas Mitzlaff

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