Von Woche zu Woche

Die Menschen bewaffnen sich

Es ist die Zeit, in der die Menschen der Politik nicht mehr trauen, bei dem, was sie sagt. Wo es einfach zu durchschaubar ist, dass hinter den ganzen Phrasen und dem Aktionismus kein Plan steht, kein Konzept. Sondern dass Ratlosigkeit herrscht bei denen, die vom Volk eigentlich den Auftrag haben, zum Wohle dieses Landes zu handeln.

AZ-Chefredakteur Thomas Mitzlaff

Genau diese Situation ist längst eingetreten beim Thema Flüchtlinge. Das bisherige grandiose Scheitern des Staates in dieser Thematik hat mittlerweile zur Folge, dass die Menschen den Regierenden nicht mehr glauben und ihnen nicht zutrauen, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Und dieses tiefe Misstrauen, ausgelöst durch eine katastrophale Krisen- und Kommunikationspolitik, löst eine ganze Reihe an Folgereaktionen hervor. Eine davon ist: Die Menschen bewaffnen sich. Die Anträge für einen so genannten kleinen Waffenschein, der das Mitführen von Schreckschusswaffen erlaubt, sind in den ersten Wochen des Januars schon so zahlreich wie gesamten vergangenen Jahr eingereicht worden – und das bei uns, auf dem Lande, wo wir doch so sehr noch an die kleine heile Welt glauben möchten. Pfefferspray ist vielerorts ausverkauft, die Wartezeiten für Bestellungen im Internet sind lang. Das ist die Realität.

Da kann die Polizei noch so gebetsmühlenartig betonen, dass das Gewaltmonopol beim Staat liege. Das ist wohl richtig. Aber der Staat übt es längst nicht mehr so aus, dass die Menschen sich sicher fühlen. Die Bevölkerung spürt ganz genau, dass da etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist, dass die poltischen Eliten dieses Landes sich längst entfernt haben von ihren Bürgern und als Konsequenz einer gnadenlosen Sparpolitik bei Polizei und Justiz nicht mehr in der Lage sind, „Otto Normalverbraucher“ zu schützen.

Und was mindestens genauso schlimm ist: Die Politik merkt noch nicht einmal, dass sie abgehoben ist. Das jahrelange Posten-hin-und-her-Geschiebe für verdiente Parteifreunde hat mittlerweile ein absurdes Ausmaß angenommen, dass man eigentlich zwangsläufig darüber stolpern muss – es sei denn, man will nur Mitläufer sein. Wenn etwa jemand erst Familien-, dann Arbeits- und dann als Verteidigungsministerin qualifiziert sein will, dann ist sie entweder ein allwissendes Genie oder ein Paradebeispiel für hemmungsloses Postengeschacher.

Das mag funkionieren in guten Zeiten, in denen der Staat rund läuft auch ohne Fachkompetenz an der Führungsspitze. Doch wenn plötzlich in einer Krise Format und Führungsstärke gefragt sind, dann rächt es sich schon mal, wenn der Verteidungsminister ganz plötzlich zum sachkundigen Innenminister mutieren soll.

Und so ist die Lawine losgetreten, wirkt das Land in einer Flüchtlingskrise führungslos und die Menschen greifen zum Pfefferspray. Schon jetzt so zahlreich wie im gesamten Jahr 2015. Es kann einem angst und bange werden.

Von Thomas Mitzlaff

Rubriklistenbild: © dpa

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