Franz Müntefering fordert in Uelzen bessere Bezahlung für Erzieher und Pfleger

Mehr „Mensch an Mensch“

Wagte einen Blick ins Jahr 2030: Der ehemalige Bundesarbeitsminister Franz Müntefering in Uelzen. Foto: Huchthausen

Uelzen. „Ich bin sehr bewusst dabei geblieben, in der dritten Reihe sozusagen. Das muss man lernen, dass man da nicht mehr der King ist. “ Aber dafür sei man eben mal der Joker für zehn Minuten.

So ging es dem ehemaligen Bundesarbeitsminister Franz Müntefering (SPD), wie er gestern im Hotel Deutsche Eiche in Uelzen erklärte. Und eine ähnliche Haltung empfiehlt er auch anderen, deren Leistungskurve nicht mehr auf dem höchsten Punkt ist. Auf Einladung von SPD-Landtagskandidatin Sylvia Meier hat er geschildert, welche Veränderungen seiner Ansicht nach auf die älter werdende Gesellschaft zukommen. Derzeit ist Müntefering als Sprecher der AG Demografischer Wandel der SPD-Bundestagsfraktion aktiv.

Ebenso wie er sich bewusst geworden sei, dass er nicht in der ersten Reihe bleiben könne, müssten sich Erwerbstätige darauf einstellen, dass sie nicht ständig leistungsstark seien und demnach sich mit dem Thema Umschulung anfreunden. Für den Nachwuchs hingegen müsse es eine vernünftige Berufsorientierung geben, damit er die richtige Wahl treffe, anstatt zu dem großen Anteil der Ausbildungsabbrecher zu gehören.

Das Verhältnis zwischen Erwerbstätigen und Rentnern werde sich in den nächsten Jahren extrem verändern: Auf hundert Personen im Alter zwischen 20 und 64 Jahren kommen derzeit 40 Rentner, so Müntefering. Im Jahr 2030 würden hingegen 54 Personen über 64 Jahre alt, während im Verhältnis dazu hundert im Erwerbstätigenalter seien. Und ein gewisser Prozentsatz davon seien junge Menschen in den Zwanzigern, die „sich orientierungslos über den Arbeitsmarkt bewegen“.

Zur Gestaltung der Zukunft gehören für ihn, dass die Menschen mehr zusammenarbeiten. Und er fordert, dass Gehälter von Erzieherinnen und Altenpflegerinnen erhöht werden. Das Thema beschäftigte auch die Gäste im vollbesetzten Saal. „Warum soll eine angehende Erzieherin nicht genauso bezahlt werden wie jeder Auszubildende in einem handwerklichen oder kaufmännischen Beruf“, wollte eine Zuhörerin von Müntefering wissen. „Ich bin dabei“, erklärte er, „weil ich glaube, dass man das machen muss“. Eine befristete Bezahlung sei immer unsicher, zum Teil würden die Auszubildenden noch drauf zahlen. Eine Erhöhung der Gehälter für angehende – und auch ausgebildete – Erzieher werde zwar Kosten verursachen, „aber wenn wir es nicht machen, wird es zu Lasten der Qualität gehen. Wir müssen diese Dienste ,Mensch an Mensch’ verbessern.“

Die Gesellschaft müsse sich auf viele neue Aspekte einstellen: Dass mehr junge Menschen ein Abitur absolvieren, und dass auch Frauen nach dem Schulabschluss erst das Studium anschließen und dann fünf bis sieben Jahren im Berufsleben stehen wollen, bevor sie auf so sicheren Beinen stehen, dass sie eine Familie gründen wollen – „wir sind gut beraten, wenn wir von denen nicht die selben Lebensentwürfe erwarten wie von uns“, räumt Müntefering ein. Es sei nicht Sache des Staates, daran etwas zu ändern, aber der Staat müsse sich auf die Konsequenzen einstellen. Und auch die Wirtschaft könne darauf reagieren, in dem sie verstärkt im Dualen Studium ausbilde und somit dem Nachwuchs einen Anreiz biete, im ländlichen Raum zu bleiben. Das Thema Betreuung spiele auch hinein, und daran machte er deutlich, dass seiner Ansicht nach die Kommunen direkt die Mittel vom Bund erhalten müssten. Die Erfahrung habe gezeigt, dass Länder die Mittel zum Krippenbau nicht direkt weiter geben. Und es müsse etwas für die Attraktivität der Gemeinden getan werden: „In allen Städten hast du alte Häuser stehen“, sagt er. Wegen baulicher „Schutthaufen“ müsse die Kommune an den Eigentümer herantreten und zum Handeln auffordern oder zu einem Geschäft. „Sonst gehen die Leute da weg“, erntet er Lacher im Publikum.

Von Diane Baatani

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