Mehr aufeinander zugehen

Problem Leerstände: Peter Meinecke bezweifelt, dass die Schaffung von mehr Verkaufsfläche hilfreich ist. Foto: Mahler

Uelzens Politik will die Innenstadt beleben. Eine eigens eingerichtete Arbeitsgruppe stellte sich zunächst die Frage "Wie kann Uelzen attraktiver werden?". In Leserbriefen an die AZ und in Beiträgen auf az-online.de haben sich bereits einige Leser zu Wort gemeldet. Heute antwortet der Uelzener Kaufmann Peter Meinecke auf den Beitrag aus der vorigen Woche von Stefan Kolodziej:

Lieber Herr Kolodziej, in den meisten Punkten kann ich Ihnen zu 100% zustimmen. Sie haben eine sehr schöne Abhandlung darüber verfasst, was in der Uelzer Innenstadt so abgeht. Die wesentlichen Akteure sind ja Verwaltung und Politik, natürlich auch die ansässigen Einzelhändler.Gut ist ja immer, zur Beruhigung der Gemüter eine Arbeitsgruppe zu gründen. Ich war selbst mal Mitglied im Wirtschaftbeirat der Stadt Uelzen, wir haben dort sehr professionell und kreativ gearbeitet. Umgesetzt oder weiterverfolgt wurde allerdings nichts davon. So wird es auch jetzt wieder sein – am Ende entscheiden Politik und Verwaltung ohne jegliche Rücksicht auf Bürgerwillen sowieso allein.Einige Aspekte möchte ich zu Ihrem Artikel noch ergänzen, verstärken oder etwas anders gewichten.Der Weg der Steine stört mich nicht so, ich meine vielmehr, Kunst gehört in so eine Stadt und sie passt auch gut in eine Stadtgemeinschaft, wie Sie sie beschreiben. Sie darf auch ruhig polarisieren. Vielleicht soll der Weg ja auch symbolisieren, dass die Wege in Uelzen für viele Beteiligte oft sehr steinig sind.Parken, Radwegekonzept, Busverkehr und Ilmenau-Aue sind für mich noch am ehesten lösbare Probleme – wenn man es will und die finanziellen Mittel beschaffen kann. Beim Thema Einzelhandel ist man von anderen Akteuren abhängig, die man motivieren, überzeugen oder heranholen muss. Das wird mit der bisherigen Denkrichtung nichts.Die Ausführungen zum Thema Kaufverhalten und Verlagerung ins Internet kann ich voll unterstreichen. Aber nach Ansicht der Verantwortlichen in Verwaltung und Politik gibt es in Uelzen kaum Internetkäufer. In den Gutachten für das Marktcenter kommt das Internet nicht vor – ich weiß nicht, was man einem Gutachter sagen muss, damit der den Marktanteil des Internets in seinen Ausführungen einfach ausblendet. Die Herren sollten einfach mal bei den Uelzer Kaufleuten nachfragen. Im Elektrohandel beträgt der Anteil ca. 15% mit Tendenz Richtung 20% - nur in Uelzen als einziger Stadt in Deutschland offensichtlich nicht. Übrigens ist diese "Verschiebung der Kaufgewohnheiten ins Netz" in ländlichen Regionen wegen der Fahrtwege noch größer. Diese Realität zu erkennen ist die Pflicht eines jeden Verantwortlichen! Dagegen Fachgeschäfte mit höherwertigem Bedarf zu setzen ist der einzig mögliche Weg – noch.In der ganzen Betrachtung fehlt mir noch der ökologische Aspekt. Am vorletzten Sonntag bin ich mit meiner Frau mal durch die Stadt spaziert. Wir haben alle 40 Leerstände fotografiert, zusammen mit dem leichten Schneefall war das ein Bild der Trauer. Welche Argumente kann man da für die Schaffung von noch mehr Verkaufs-, Büro- und Wohnraum finden. Oder bekommen wir mit den neuen Großprojekten dann auch mehr Anwälte, Ärzte, Steuerberater usw. nach Uelzen? Auch in den Wohngebieten stehen schon genug Wohnungen leer. Die prognostizierte Bevölkerungsentwicklung zeigt zusätzlich nach unten. Es ist ökologisch völlig unverantwortlich, noch mehr bebaute Flächen zu schaffen. Oder ist das doch eine Form von Realitätsverlust? Dass die Versiegelung des Überschwemmungsgebietes Marktplatz so kommentarlos hingenommen wird, erstaunt mich ebenfalls.Die Verlegung des Wochenmarktes in die Innenstadt war vom Gedankenansatz her nicht schlecht. Die Testphase ist durch, das Projekt müsste aufgrund der vielen Kritik nun weiterentwickelt oder rückabgewickelt werden. Ich möchte als Einzelhändler vor meinem Schaufenster und Eingang nicht die Rückseite eines Marktstandes haben, der Kundenlauf konzentriert sich an den Markttagen auf der Straßenmitte – ein ungelöstes Problem. Unabhängig davon ist der Umgang mit dem Bürgerentscheid seinerzeit auch ein Spiegelbild des Umgangs zwischen Politik/Verwaltung und Bürger bis heute. Großprojekte als Ersatz für Versäumnisse bei der Innenstadtentwicklung? Ein fatales Spiel, wie bei vielen anderen Städten zu sehen.Hier geht es aber auch ursächlich um die Frage, wie eine Stadt mit örtlichen Unternehmern umgeht, die mit persönlichem Risiko und im Vertrauen auf eine faire Politik sehr viel Geld investiert haben. Im Lebensmittelhandel haben wir bei uns bereits mehr Märkte und Discounter als die Stadt Lüneburg. Viele haben schon jetzt eine sehr geringe Kundenfrequenz. Das E-Center am Bahnhof hat in hervorragender Art und mit persönlichem Engagement aufgerüstet. Ich habe die Verkaufsfläche meines Elektromarktes 2003 nahezu verdoppelt, mehr Fläche war nach dem damaligen Einzelhandelsgutachten nicht genehmigungsfähig und auch nicht sinnvoll in Anbetracht des Einzugsgebietes. Die Verantwortlichen sollten mal die Baumarktbetreiber über ihre Lage nach der Ansiedlung von Obi befragen. Wie sinnfrei das Denken in diesen Themen ist, beweist die Argumentation für den Netto-Markt an der Straße nach Ebstorf – man will damit die Kunden auf dem Weg nach Ebstorf abfangen. Aber warum sollen die denn ihre Lebensmittel nicht in Ebstorf kaufen?Was soll man eigenen Kindern empfehlen, die eventuell an einer Übernahme des Familienbetriebes interessiert sind? Geh dahin, wo du erwünscht bist, gründe eine Filiale, mach den Standort in deiner Heimatstadt zu – oder was?Diese Vorgeschichten sind wichtig, um die konstruktiven Vorschläge zu verstehen. Herr Kolodziej hat viele bereits aufgezeigt, ich möchte das nicht wiederholen. Einzig wichtig ist dabei, nicht von besseren Zeiten zu träumen. Man muss erkennen, das Uelzen zwischen sehr attraktiven Städten wie Lüneburg, Celle, Hamburg und Hannover liegt. Alle sind mit dem Metronom oder Auto bequem und schnell zu erreichen, der Betrieb auf unserem Hundertwasserbahnhof spricht Bände. Diese Attraktivität als Einkaufsstadt werden wir leider nicht mehr erreichen, das ist die Realität. Den Ansatz, den Fokus von der reinen Kaufstadt zur offenen Lebenswelt zu verschieben finde ich sehr reizvoll.Wenn ich zu den einzelnen Punkten immer wieder kritische Anmerkungen zu den handelnden Personen gemacht habe, soll das der Entwicklung meines Fazits dienen, das dem von Herrn Kolodziej sehr ähnelt: "Die Denkrichtung muss sich ändern". Aus Realitätsverlust muss wieder Realitätssinn werden, aus Gegeneinander muss Miteinander werden, aus Neid Anerkennung, aus Kungelei Ehrlichkeit. Einsame Entscheidungen von Politik und Verwaltung nach Gutsherrenart ohne Berücksichtigung von Bürgerinteressen kann es in einer Stadtgemeinschaft der Zukunft nicht geben. Dann ist das keine Gemeinschaft.Irgendwo einen Klotz mit völlig überflüssigen zusätzlichen Verkaufsflächen hinzusetzen,, ist sicher einfach, aber wie will man damit dem Leerstand und der Verödung der Innenstadt entgegenwirken? Hier konkret anzusetzen, wie Herr Kolodziej es beschreibt, ist der mühsamere, aber langfristig für unsere Stadt viel bessere Weg. Er ist zu schaffen – wenn die Menschen aufeinander zugehen.

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