Kultusminister Althusmann möchte „Medienkunde“ als Unterrichtsfach einführen / Uelzener Pädagogen skeptisch

Mathe, Deutsch, Englisch, facebook?

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Die Medienkompetenz steigern sowie die Gefahren und Grenzen des Internets aufzeigen – das soll die so genannte „Medienkunde“, die sich Kultusminister Althusmann wünscht, leisten können.

Uelzen/Landkreis. Geht es nach Kultusminister Bernd Althusmann, soll in Niedersachsens Schulen neben Mathe, Deutsch und Englisch demnächst auch „Medienkunde“ zum Pflichtstoff werden.

Ziel des neuen Unterrichtsfachs: Jungen und Mädchen die Gefahren und Grenzen des Internets und von sozialen Netzwerken aufzeigen. In Uelzens Schulen sorgt dieser Vorstoß allerdings nicht für Begeisterungsstürme.

Das Gymnasium

Sven Kablau, Rektor des Lessing Gymnasiums, fragt sich, was Schülern und Lehrern noch alles abverlangt und zugemutet werden soll: „Ich finde den Vorstoß von Minister Althusmann erstaunlich“, sagt Kablau auf AZ-Nachfrage.

Schließlich sei die Belastung für Gymnasiasten, seitdem es das Abitur bereits nach Klasse 12 gibt, enorm. „Sie haben 34 verpflichtende Wochenstunden.“

„Medienpädagogik spielt eine große Rolle“, betont der Rektor. Diese werde am Lessing Gymnasium jedoch nicht in einem einzelnen Fach vermittelt, sondern „auf zahlreiche Unterrichtseinheiten und themenbezogen geschultert“. Zum Beispiel beim Schreiben der Facharbeiten: „Es wird mit den Schülern die Recherche im Netz vertieft. Sie lernen, was erlaubt ist und was nicht. Stichwort: Plagiat“, schildert Kablau einen Beitrag zur Förderung der Medienkompetenz.

Mit dem „Internet-Führerschein“ würde das Gymnasium der wachsenden Rolle und damit auch den wachsenden Gefahren des weltweiten Netzes ebenfalls Rechnung tragen: Nur Jungen und Mädchen, die diesen „Internet-Führerschein“ gemacht haben, dürfen an den schuleigenen Rechnern im Internet surfen. Angeboten wird der Kursus, der den verantwortungsvollen Umgang mit Internet-Plattformen, wie etwa facebook, vermitteln soll, bereits ab der 5. Klasse.

Kablau fragt sich, wie das pädagogische Konzept der „Medienkunde“ aussehen soll: „Was will man da ein ganzes Jahr lang an Wissen vermitteln?“ Und er fragt sich ebenso, warum der Medienkunde Vorrang gewährt werden soll vor anderen „interessanten Fächer-Konzepten“ wie etwa Rechtskunde oder Ernährungslehre? „Gerade die richtige Ernährung spielt bei Kindern heute doch ebenfalls eine enorm große Rolle“, weiß Kablau.

Die Grundschule

„Medienkunde ist bereits für Grundschulkinder sehr wichtig, denn wir erziehen unsere Kinder für die Informationsgesellschaft“, sagt Heidi Gatz, Leiterin der Grundschule Himbergen. Die Schulleiterin ist sich sicher: „Die Zukunft fordert Schlüsselkompetenzen wie Team- Kritik- und Konfliktfähigkeit. Diese wiederum fordern als Basis nicht mehr nur Rechnen, Schreiben und Lesen, sondern in höchstem Maße Medienkompetenz.“

Es reiche daher nicht, mal eben ein Projekt „PC-Arbeit“ anzubieten, unterstreicht Heidi Gatz. „Zeitlich befristete Projekte dienen nicht der Medienkompetenz, sie gewährleisten nur eine Medienbegegnung.“

Damit es aber nicht nur bei einer solchen Begegnung bleibt, seien Land und Schulträger sowie Gemeinde und Städtebund in der Pflicht, fordert die Pädagogin.

„Grundschulen wären sicherlich schon viel weiter mit der Vermittlung von Medienkompetenz, wenn die entsprechende technische Ausstattung vorgehalten worden wäre und Lehrer einen leichten Zugang zu adäquaten Fortbildungsmaßnahmen gehabt hätten“, lautet die Kritik der Schulleiterin.

„Wir haben die Schüler nur von 8 bis 13 Uhr“, sagt Friedrich Kaune, Lehrer an der Oberschule in Bad Bodenteich. „Medienkompetenz ist heute so wichtig wie nie“, erklärt er mit Blick auf facebook, dem größten Sozialen Netzwerk der Welt. „Es sind aber vor allem auch die Eltern gefragt“, mahnt Kaune.

Denn viele Schüler betreiben „einen persönlichen Striptease“ im Netz. „Sie geben auf facebook nahezu alles von sich preis“, weiß der Lehrer. Und am meisten gesurft werde zu Hause und nicht im Schulgebäude.

Das passiert, wenn man beim weltweit größten Sozialen Netzwerk eine Privatparty ankündigt und jeder kann es lesen: So gennante „facebook-Partys“, zu denen hunderte ungelade Gäste strömen, sind nicht nur Graus aller Eltern, sondern mittlerweile auch Sache der Polizei. Foto: dpa

Besonders gefährlich: Diesen Striptease betreiben Schüler bei zu laschen Einstellungen zum Datenschutz auf facebook nicht nur vor Freunden sondern auch vor potenziellen Arbeitgebern und ebenso vor ihnen völlig fremden Personen. Kaune, der unter anderem die Webseite für die Oberschule betreut und Informatik-Unterricht gibt, sieht sich auf fast verlorenem Posten: „Ich versuche punktuell Schüler vor den Gefahren des Internets zu warnen – in Verfügungsstunden oder wenn es thematisch zum Unterricht passt.“ Auch hängt er zu dem Thema passende Zeitungsartikel ans Schwarze Brett. Ein eigenes Unterrichtsfach zur Steigerung der Medienkompetenz „ist aber unter den momentanen Bedingungen nicht machbar“. „Woher will man den Stoff für ein Jahr hernehmen?“, fragt Kaune. Ohne ein Kompetenz-Bewusstsein, das durch die Eltern vermittelt wird, funktioniere es nicht.

Kaune weiß: „Lehrer stehen immer auf der anderen Seite des Pults, verbieten, ermahnen. Wir gelten ohnehin als der Feind und können aus Sicht vieler Schüler nicht vorbehaltlos über die Gefahren im Netz aufklären. Wir wären ein ganzes Jahr lang der böse Mann, die böse Frau.“

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Von Michael Koch

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