Der Sozialdemokrat reist durch das Land

Martin Schulz auf Tour für ein „solidarisches Europa“ in Uelzen

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Martin Schulz ist beim Thema Europa in seinem Element. Das zeigt sich auch in Uelzen. Mehr als 20 Jahre saß Schulz im EU-Parlament, bevor er in die Bundespolitik wechselte.

Uelzen – Es gibt keine festgelegte Dramaturgie und auch keine vorgefertigten Fragen. Die Veranstaltungsreihe „Auf ein Wort“ der niedersächsischen SPD kennt nur eine Regel: Die Besucher schreiben das, was sie wissen wollen, auf einen Bierdeckel und der Politiker antwortet.

So hält das Format durchaus Überraschungen parat. Das bekommt am Dienstag auch der Sozialdemokrat Martin Schulz in Uelzen zu spüren.

Er, der frühere Europa-Politiker, Ex-Parteichef und heutige Bundestagsabgeordnete, tourt zurzeit im Europa-Wahlkampf durch Deutschland und Uelzen ist eine Station. Womit er wohl nicht rechnet, ist, dass er in der Hansestadt zu Beginn vor allem mit bundespolitischen Fragen konfrontiert wird. Hohe Mieten, die Privatisierung der Pflege, die Große Koalition (GroKo). Schulz kommentiert: „Ich finde es super, dass ihr so viele Europa-Fragen stellt.“

Er nehme aber jede Frage, die da komme, sagt der 63-Jährige anschließend. So arbeitet er Thema für Thema ab, richtig ins Reden kommt Schulz aber, als es dann tatsächlich um Europa geht. 23 Jahre lang saß er im Europa-Parlament, war von 2012 bis 2017 dessen Präsident. Bei der Europa-Politik ist Schulz in seinem Element.

Als er gefragt wird, warum jedes Land in der EU noch seine eigene Energie-Politik betreibt, „reist“ er in der Geschichte zurück, erinnert an Sozialdemokraten, die in den 1920er Jahren die ersten Überlegungen zu einer europäischen Gemeinschaft anstellten. Heute gebe es ein Europa mit Grundwerten, die es zu verteidigen gelte, so Schulz. Gegen Ideen von Mächten wie den USA oder China. „Wir müssen uns fragen, in welcher Größenordnung wir mit denen verhandeln wollen“, so Schulz. Darauf könne nur die EU die Antwort sein, so der Politiker.

Als er gefragt wird, was gegen das Sterben von Flüchtlingen im Mittelmeer beim Übersetzen getan werden sollte, spricht er sich klar für Seenotrettungen aus und für „ein Europa der Solidarität“. Schulz berichtet von einem Treffen mit Ungarns Premier Viktor Orbán, der erklärt habe, die Flüchtlinge seien ein deutsches Problem. Schulz lässt keine Zweifel aufkommen, wie er eine solche Haltung findet. Und der Sozialdemokrat meint, jene Lände, die keine Flüchtlinge aufnehmen wollen, sollten weniger Gelder bekommen. In der EU dürfe „eine Rosinenpickerei“ nicht möglich sein, sie müsse sich durch Solidarität auszeichnen. Dafür trete er ein.

Für solche Sätze erhält Schulz Applaus im Kaffeehaus im Stadtgarten, in das gut 70 Männer und Frauen gekommen sind, um Antworten hören. Unter ihnen auch Uelzener Vertreter der Bewegung „Fridays for Future“. Sie wollen wissen, ob Schulz dabei bleibt, dass noch bis 2038 Kohlemeiler in Deutschland laufen sollen. Die Bewegung findet, der Kohleausstieg müsse bis 2030 erfolgen. Das würden auch Wissenschaftler betonen. Schulz zeigt Sympathie für die Bewegung, bleibt aber bei seiner Auffassung zum Kohleausstieg, weil 2038 bereits ein ambitioniertes Ziel sei. Eine Energielücke dürfe es nicht geben.

Endspurt: Eine Rückkehr ins EU-Parlament schließt Schulz in den folgenden Minuten aus, wie auch eine nochmalige Kanzlerkandidatur. Und er warnt seine Partei davor, alle zwei Tage die GroKo infrage zu stellen. „Leute, ich sage Euch: Man bekommt keinen Boden unter den Füßen, wenn man sich nur mit sich selbst beschäftigt“, sagt er kämpferisch.

So endet die Veranstaltung, wie sie beginnt – mit der Bundespolitik.

VON NORMAN REUTER

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