Überfall auf Rätzlingerin vor Gericht / Urteil morgen

Mann gesteht Bluttat

Vor dem Lüneburger Landgericht muss sich ein Rätzlinger wegen des Überfalls auf seine Nachbarin verantworten. Foto: dpa

Rätzlingen/Lüneburg. „Dieser Überfall hat mein ganzes Leben verändert“, sagt die Frau, die am Abend des 22. April 2012 in ihrer Wohnung von einem Nachbarn überfallen und übel zugerichtet worden sein soll. „Seit diesem Abend bin ich nicht mehr die, die ich vorher war.

“ Vor dem Lüneburger Landgericht wird dem inzwischen geständigen Täter seit gestern der Prozess gemacht. Der Mann war erst drei Wochen vor dem Überfall in das Rätzlinger Mehrfamilienhaus eingezogen.

Es war ein Sonntagabend, nach dem Abendessen klingelte es an der Wohnungstür. „Weil ich dachte, es wäre meine Nachbarin, öffnete ich arglos“, berichtet die 58-jährige medizinisch-technische Assistentin vor Gericht. Sofort wird sie in die Wohnung gedrängt, schildert die Frau: Die Tür wird zugeschoben und der maskierte Täter bedroht sie mit einem Messer. Er fordert „Geld, Scheckkarte und Pin-Nummer“. Die Frau schreit um Hilfe und versucht, mit bloßen Händen die Messerstiche abzuwehren. Daraufhin drückt sie der Täter auf den Boden und versucht, ihre Schreie mit einem Badezimmer-Teppich zu ersticken. „Überall war Blut, ich bekam keine Luft mehr und hatte Todesangst“, schildert das Opfer. Dann gelingt es ihr, durch die Terrassentür ins Freie zu flüchten. Eine Nachbarin auf dem Balkon bekommt den Vorfall mit und ruft die Polizei. Die Beamten können den Verdächtigen, der inzwischen wieder in seine Wohnung zurückgekehrt war, stellen und festnehmen.

Der Angeklagte gibt alles zu, „wie es in der Anklage steht“, lässt er das Gericht wissen. Die Mutter des Angeklagten hatte die Wohnung für ihren Sohn angemietet, der keine Arbeit hatte und ständig in Geldnöten war. „An dem Abend hatte ich Frust, weil ich Stress mit dem Arbeitsamt hatte und mit meinen Freunden gestritten hatte“, erzählt der Mann, der mit Anzug und Krawatte auf der Anklagebank sitzt. „Und ich hatte kein Geld.“ Er zog sich eine Maske über den Kopf – einen Pullover-Ärmel in den er Sehschlitze hineingeschnitten hatte – nahm ein großes Messer aus der Küche, ging auf den Flur und klingelte bei seiner Nachbarin.

Nachdem der Vorsitzende der zweiten großen Strafkammer, Matthias Steuernagel, darauf hinweist, dass als Rechtsfolge auch die Unterbringung in einer Entziehungsanstalt in Frage komme, liest er aus dem Bundeszentralregister vor. Eine Reihe von Urteilen liegt gegen den Angeklagten vor, die bis in seine Jugendzeit zurückgehen. Beinahe ausnahmslos alle seine Straftaten seien im alkoholisierten Zustand begangen worden. Das bestätigt auch der Angeklagte selbst, der seit seiner Festnahme in Haft ist: „Ich trinke aus Frust.“

Den Brief, den der Angeklagte seinem Opfer aus der Untersuchungshaft schrieb, „nützt mir nichts“, erklärt die Zeugin resolut. Sie ist nie wieder in ihre Wohnung zurückgekehrt, blieb nach einem längeren Krankenhausaufenthalt solange bei ihrer Tochter, bis der Umzug organisiert war. Im Gerichtssaal bereitet es ihr Schwierigkeiten, in der Nähe ihres Peinigers sitzen zu müssen. Bis heute befindet sich die Frau in psychiatrischer Behandlung und muss befürchten, ihre Arbeit zu verlieren, weil ihr Vertrag wegen ihrer längeren Abwesenheit nicht verlängert wird. Durch das Abwehren des Messers, hatte sie an beiden Händen schwere Schnittverletzungen erlitten, die trotz Operation noch immer nicht vollständig wiederhergestellt werden konnten. Morgen will die zweite Große Strafkammer das Urteil sprechen.

Von Angelika Jansen

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