Zuletzt mehr als 4000 Hartz-IV-Empfänger im Landkreis / Ein 55-Jähriger aus Uelzen erzählt

„Man ist immer nur am Rechnen“

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Eine Diskussion um Hartz-IV-Leistungen ist in Deutschland entbrannt: Reicht der Satz zum Leben?

Uelzen. Gekauft wird an Lebensmitteln das Nötigste für die nächsten Tage: „Nicht, dass ich noch etwas wegschmeißen muss, weil es schlecht geworden ist“, sagt Andreas. Der 55-Jährige aus Uelzen hat seine Wege gefunden, um mit wenig Geld über die Runden zu kommen.

Zuletzt hat er gut zwei Jahre Geld vom Staat erhalten, weil ihm für ein Auskommen der Job fehlte. Im Volksmund heißen diese Menschen „Hartz-IV-Empfänger“ – eine Gruppe, über die Gesundheitsminister Jens Spahn jetzt sagte: Sie haben alles, was sie zum Leben brauchen. Und Hartz-IV zu beziehen, sei keine Armut. Spahns Aussagen brachte eine Diskussion in Deutschland ins Rollen, der CDU-Mann sieht sich viel Kritik ausgesetzt.

Unter der Regierung Schröder war festgelegt worden, dass bei Jobverlust das an das Einkommen gekoppelte Arbeitslosengeld nur noch auf Zeit bezahlt wird. Danach erhält jeder Erwachsene einen monatlichen Satz von aktuell 416 Euro zum Leben; Anspruch auf Leistungen nach dem zweiten Sozialgesetzbuch, oder eben Hartz-IV, haben beispielsweise auch alleinerziehende Mütter, die, wenn überhaupt, nur stundenweise arbeiten gehen könnten.

Im Landkreis Uelzen bezogen zuletzt, die jüngsten Zahlen stammen aus Oktober des vergangenen Jahres, 4115 Männer und Frauen Leistungen nach dem zweiten Sozialgesetzbuch, die grundsätzlich eine Arbeit aufnehmen könnten, sowie 1600 weitere, die nicht erwerbsfähig sind. „Bei diesen 1600 handelt es sich zu 99,9 Prozent um Kinder, für die Leistungen gezahlt werden“, erklärt Jeannette Unterberger, Sprecherin der Arbeitsagentur Lüneburg-Uelzen.

Wer als Hartz-IV-Empfänger in der Jobvermittlung ist, wird von der Agentur für Arbeit in der Gruppe der Langzeitarbeitslosen geführt. Weil die Wirtschaft händeringend Kräfte sucht, haben solche Menschen jetzt gute Chancen, auch nach einer längeren Arbeitslosigkeit eine Stelle zu bekommen. Ihre Zahl ist rückläufig – im Mai 2015 fiel sie für den Landkreis erstmals unter die 2000er-Marke, im Februar 2018 waren noch 1614 gemeldet.

Gerard Minnaard

Für Gerard Minnaard ist klar, auch bei besten konjunkturellen Bedingungen wird es Menschen geben, die keinen Platz im ersten Arbeitsmarkt bekommen werden. Er spricht von der sogenannten „Restgruppe“.

Karlstraße 6 in Uelzen, hier unterhält das Projekt „IdA“ ein soziales Kaufhaus, eine Kleiderkammer. Menschen mit niedriger Qualifizierung und oftmals schwierigen persönlichen Voraussetzungen werden hier stundenweise angestellt. Gerard Minnaard, der „Integration durch Arbeit“ – kurz IdA – mit ins Leben gerufen hat, berichtet von Menschen, die nicht in der Lage seien, einen regulären Arbeitstag durchzustehen. Weil sie mit sich zu kämpfen haben, weil sie mit dem Leistungsdruck nicht klar kommen, weil ihnen die Fähigkeit fehlt, eigenverantwortlich zu agieren.

IdA will einen Beitrag dazu leisten, dass Hartz-IV keine Sackgasse ist; dass die Menschen eine Aufgabe haben. Der 55-jährige Andreas ist jetzt im sozialen Kaufhaus beschäftigt, um ihn wieder fit für den ersten Arbeitsmarkt zu machen. Mal berät er Kunden, mal schleppt er Elektrogeräte, die im Kaufhaus zu bekommen sind.

Andreas hat nie wirklich Tritt gefasst im Berufsleben. Nach der Schule beginnt er eine Ausbildung im Landschafts- und Gartenbau, beendet sie aber nicht. Er verdingt sich als Taxi- und Lkw-Fahrer. Er ist für Zeitarbeitsfirmen tätig – stets befristet. „Vor Weihnachten kam immer die Nachricht: Es geht nicht weiter.“ Also wieder aufs „Amt“.

Er ist Single, nach eigenen Angaben genügsam: „Essen ist mir nicht so wichtig – oder auch Kleidung.“ Er legt lieber ein paar Euro zurück, um mobil zu bleiben. Er besitzt ein Auto. „Das funktioniert auch geldlich.“ Aber bloß keine teuren Reparaturen.

Ralf Ritter

Ralf Ritter von der Caritas ist in Uelzen in der Schuldnerberatung tätig. Etwa 200 Klienten betreut die Caritas jährlich über die Beratungsstelle – unter ihnen auch immer wieder Menschen, die von Hartz IV leben. „Es sind vor allem die unvorhergesehenen Ausgaben, die reinhauen“, weiß Ritter aus Gesprächen mit den Betroffenen. Der Kühlschrank gibt den Geist auf, eine neue Brille muss her. Mit den Klienten seien Wege auszuloten, wie sie vom Schuldenberg runterkommen. Keine leichte Aufgabe, wenn die beruflichen Perspektiven fehlen. Laut Statistik des Uelzener Jobcenters bezieht das Gros der Menschen, fast 42 Prozent, vier Jahre und länger Hartz IV-Leistungen.

Der 55-jährige Andreas sagt, er gehe lieber arbeiten, als Geld vom Staat zu bekommen: Das sei leichter, auch wenn man vielleicht kaputt nach Hause komme. „Man ist sonst nur immer am Rechnen.“ Ein Kollege aus dem sozialen Kaufhaus hat den Sprung in den ersten Arbeitsmarkt geschafft. Er wurde bei einer Kommune in der Landschaftspflege eingestellt.

Von Norman Reuter

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