„Man darf nie abheben“

Der ehemalige Bundesverteidigungsminister Peter Struck appelliert daran, „Politik nicht verächtlich zu machen“.

Uelzen - Von Diane Baatani. „Zwischen Schnittchen und Politik“ hat Peter Struck sich für den Weg zum Spitzenpolitiker entschieden. Ohne dass er zuvor damit gerechnet hätte und ganz entgegen der Absprache mit seiner Frau Brigitte. Über das Innenleben der sozialdemokratischen Partei gibt Struck in seinem Buch „So läuft das – Politik mit Ecken und Kanten“ einen Einblick. Er schildert „subjektiv und durchaus emotional“ die Wandlung der SPD von der Opposition zur Regierungspartei, zunächst in der rot-grünen Koalition, später in Zusammenarbeit mit der Union. Am Donnerstagabend in der Buchhandlung Decius (Schimmel) in Uelzen las er daraus und stellte sich anschließend den Fragen aus dem Publikum.

Die Entscheidung, das Amt des Bundesverteidigungsministers vom Parteikollegen Rudolf Scharping zu übernehmen, der im Sommer 2002 für negative Schlagzeilen sorgte, hat der bis dahin Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion nicht aus freien Stücken getroffen, gesteht er. Bevor er für ein Gespräch damals mit Bundeskanzler Gerhard Schröder, Kanzleramtschef Frank-Walter Steinmeier und SPD-Generalsekretär Franz Müntefering sowie Kanzlergattin Doris Schröder-Köpf in der hannoverschen Wohnung des Bundeskanzlers seinen Urlaub unterbrochen hatte, hatte ihn Brigitte Struck noch gebeten, „keinesfalls als Verteidigungsminister zurück nach Uelzen zu kommen“. „Was die wollten, wurde mir nach längerem Hin und Her schlagartig klar. (...) Schließlich nahm mich Steinmeier zur Seite, und mir war klar, was er wollte. ,Peter, du musst das jetzt machen.’“ Struck berichtet weiter: „Als auch das nicht fruchtete, malte mir Doris Schröder-Köpf zwischen Schnittchen und Politik aus, welche Verdienste ich mir für den rot-grünen Wahlkampf erwerben würde. Das saß.“

Für seine Frau Brigitte stellte sich jedoch die Frage: „Wie wirkt sich das aufs Privatleben aus?“. Und wer als erstes zu Besuch kam, waren die Mitarbeiter vom Bundeskriminalamt, berichtet der Sozialdemokrat, der sich selbst als „Parteisoldat“ bezeichnet. Das Uelzener Haus von Ehepaar Struck wurde umgebaut („wir wollten ja nicht, dass die Beamten in Containern auf dem Parkplatz stehen sollten“), Kameras wurden im Garten installiert („da haben sie dann gesehen, wie meine Frau den Rasen mähte“) und Struck folgte ein Stab von 18 Personenschützern. „Es war das beliebteste Kommando, weil sie mit mir Motorrad fahren konnten“, erzählt der 67-Jährige. „Mit Hans Eichel musst du immer nur spazieren gehen“, habe es geheißen, „also super, mit dem Chef kannst du Motorrad fahren.“

„Es hat mich schon verändert“, sagt Struck. Es sei nicht sein Traumjob gewesen. „Aber nachher hatte ich große Liebe zum Verteidigungsministerium, es ist mir sehr ans Herz gewachsen.“ Schließlich wäre er gerne länger Bundesverteidigungsminister geblieben als bis 2005. „Es gibt nichts Wichtigeres als für andere da zu sein“, ist sein Leitspruch.

Und doch hatte etwas für Struck Vorrang: Nach seinem Schlaganfall 2004 hat er sich vorgenommen, darauf zu achten, dass seine Gesundheit vorgeht. „Ich hätte sofort aufgehört, wenn mein Arzt mir gesagt hätte, lass das sein“, sagt er. Stattdessen fühlte er sich aber von den Spekulationen über seine Nachfolge in den Medien provoziert, trieb das Sprachtraining voran und zeigte sich früher wieder der Öffentlichkeit, als er es sich sonst gewünscht hätte. „Das war für mich eine ganz ganz harte Arbeit. Da war immer die Angst, die Stimme bleibt weg, oder man fällt um“, beschreibt Struck. „Da sehen Sie, unter welchen Druck man gerät.“

Er appelliert an Nichtwähler, deren Verhalten „die Politik verächtlich macht“, und an die Medien, die „unmenschlich mit Politikern umgehen“. Er beschreibt Politiker als Menschen, die Fehler machen, und fordert Respekt ein für sie und ihre Aufgabe, das Volk zu vertreten. Aber: „Man darf nie abheben“, betont Struck.

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