Kein Platz für die kleine Emely

Mädchen mit Down-Syndrom darf nicht mit großer Schwester in den Kindergarten

Michaela und Siegmund Bosenok aus Westerweyhe am Freitagmittag vor dem DRK-Kindergarten. Natalie (5) besucht ihn noch ein Jahr, Emely (2) darf nicht dorthin.
+
Michaela und Siegmund Bosenok aus Westerweyhe am Freitagmittag vor dem DRK-Kindergarten. Natalie (5) besucht ihn noch ein Jahr, Emely (2) darf nicht dorthin. Zur Vollansicht des Fotos klicken Sie bitte oben rechts auf das Symbol.
  • Lars Becker
    vonLars Becker
    schließen

Michaela und Siegmund Bosenok wollten ihrer am Down-Syndrom erkrankten Tochter Emely (2) den Besuch des DRK-Kindergartens Westerweyhe zusammen mit Schwester Natalie ermöglichen. Daraus wird aber nichts.

Uelzen-Westerweyhe – Freitagmittag, kurz vor 12: Michaela Bosenok und ihr Mann Siegmund holen Tochter Natalie aus dem DRK-Kindergarten Westerweyhe ab. Die Fünfjährige hat den Vormittag über an der frischen Luft im Sand gespielt. Gummistiefel und Matschhose sind ebenso in rosa und pink gehalten wie Schal, Mütze und Rucksack – typisch für ein ganz normales Mädchen in ihrem Alter.

Bosenoks sind aber nicht allein am Kindergarten, um ihre Große nach unbeschwerten Stunden des Tobens und Lachens wieder in Empfang zu nehmen: Wie immer morgens und mittags ist Emely dabei. Entsprechend groß ist das „Hallo“ zwischen den Schwestern, aber auch zwischen der Zweijährigen und den anderen Mädchen und Jungen, die schon im Kindergarten sind. Die Kleinen kennen sich – aber zusammen spielen werden sie hier nie.

Mit Down-Syndrom zur Welt gekommen

Emely, die im Juni drei Jahre jung wird, ist mit Trisomie 21 auf die Welt gekommen. Mit dem Down-Syndrom. Diese genetisch bedingte Krankheit sorgt jetzt dafür, dass sie nicht in Westerweyhe in den Kindergarten gehen darf – die Stadt hat die Anmeldung abgelehnt und sie in Kirchweyhe eingruppiert. „Wir hatten sie hier angemeldet, weil es uns wichtig war, dass sie – wie so viele andere Geschwister auch – mit ihrer großen Schwester Natalie zusammen im Kindergarten ist. Denn Emely lernt sehr viel von ihr. Natalie ist für sie das große Vorbild“, sagen die Eltern.

„Emely ist ein total glückliches Kind. Sie macht Blödsinn, in unserem großen Garten direkt hier um die Ecke rutscht, klettert und schaukelt sie alleine. Eigentlich muss auf nichts weiter geachtet werden. Sie muss nicht gefüttert werden, bekommt keine Medikamente außer eine Schilddrüsen-Tablette morgens von uns. Jetzt sehen wir hier alle Eltern, die mit allen Geschwisterkindern kommen und gehen – wir sind leider die Einzigen, die das nicht erleben werden“, sagen Michaela und Siegmund Bosenok enttäuscht.

Sieben andere Plätze müssten unbesetzt bleiben

Die Hoffnung, dass es mit einem Platz in Westerweyhe klappt, war immer groß gewesen. Die Kindergartenleitungen hatten ihre Unterstützung signalisiert, die Eltern kämpften aber einen Kampf, der aufgrund der Vorgaben wohl nicht zu gewinnen war. Würde Emely nämlich als einzelnes „integratives Kind“ aufgenommen, müssten dafür in der Einrichtung sieben andere Plätze unbesetzt bleiben – so will es das Land Niedersachsen.

In Westerweyhe gibt es nur nachmittags eine Integrationsgruppe, indes in Kirchweyhe auch vormittags eine solche. Deshalb wird Emely ab Mitte August dort in den Kindergarten gehen. Mama Michaela muss also erst ihre große Tochter zu Fuß in Westerweyhe abgeben und mittags abholen – und danach die Kleine wenige Kilometer entfernt mit dem Auto in den Nachbarort.

„Den Platz hier werden wir nicht mehr kriegen. Aber es geht uns ums Prinzip. Vielleicht stehen nach unserer Erfahrung auch andere Eltern in einer ähnlichen Situation auf und wehren sich. Es wäre einfach schön gewesen, wenn die da oben, die am Schreibtisch sitzen, sich mal ein Bild von unserer Tochter gemacht und sie nicht von vornherein abgestempelt hätten. Wo soll das enden, wenn es schon im Alter von zwei Jahren losgeht“, fragen die Bosenoks.

Erst- wie Zweitwunsch nicht berücksichtigt

Die Hansestadt Uelzen hat zentral für das Kindergartenjahr die Anmeldungen bis Ende Februar im Familien-Servicebüro entgegengenommen. Bosenoks Erstwunsch Westerweyhe wurde dort nicht erfüllt, aber auch nicht der alternative Zweitwunsch: der heilpädagogische Kindergarten „Wunderland“.

„Richtig doof“ findet es Natalie (5), dass sie ihr letztes Jahr im Kindergarten nicht zusammen mit ihrer kleinen Schwester erleben wird. „Das macht mich als Mama sehr traurig. Ich verstehe die Stadt zwar auch, aber das Menschliche vergisst man einfach. Warum hat man sie nicht mal eine Woche zur Probe kommen lassen und geschaut, wie es läuft? Ich frage mich, warum das unmöglich ist“, so Michaela Bosenok.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare