AUS DEM GERICHT Angeklagter begründet Vorwürfe mit Hilflosigkeit

Lüneburg: Diebstähle aus Verzweiflung

In Handschellen wird der Angeklagte in den Gerichtssaal geführt. Zurzeit ist er in der JVA Billwerder in Hamburg untergebracht, wo er nach eigener Aussage „hungern bis zum Ende“ will.
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In Handschellen wird der Angeklagte in den Gerichtssaal geführt. Zurzeit ist er in der JVA Billwerder in Hamburg untergebracht, wo er nach eigener Aussage „hungern bis zum Ende“ will.

Uelzen/Lüneburg – Die Tür zum Gerichtssaal im Lüneburger Landgericht öffnet sich. Mit gesenktem Blick und schlurfenden Schritten tritt der Angeklagte langsam ein – in Handschellen und flankiert von zwei Justizvollzugsbeamten.

Die Liste an Taten, die dem 58-Jährigen zur Last gelegt werden, ist lang. So lang, dass deren Verlesung durch die Staatsanwaltschaft eine halbe Stunde dauert.

Zwischen dem 23. Januar und dem 6. Dezember 2019 soll der Angeklagte in 32 Fällen vorwiegend in Pfarr- und Gemeindehäuser, aber auch in einen Kindergarten und einen Spirituosenladen, eingebrochen sein und so insgesamt rund 18 000 Euro erbeutet haben. Auch in Eimke im Landkreis Uelzen soll er tätig gewesen sein: 60 Euro sollen aus einer Geldkassette aus dem Eimker Pfarrhaus gestohlen worden sein.

Dabei soll der Angeklagte in den meisten Fällen auf eine ähnliche Weise vorgegangen sein. Er soll Löcher in Fensterrahmen gebohrt und dann einen länglichen Gegenstand durch das Loch geführt haben, um so das Fenster aufzuhebeln.

Gleich zu Beginn redet der vorsitzende Richter Thomas Wolter dem 58-Jährigen ins Gewissen: „Ich an Ihrer Stelle würde mir gründlich überlegen, ob ich darüber reden will.“ Und das tut der Angeklagte. Die Anklage treffe zu, obwohl er sich nicht mehr an alle zur Last gelegten Fälle erinnern könne. Ja, seine Taten machen ihn traurig, antwortet er leise auf die Nachfrage des Richters. „Weil Sie sich für die Taten schämen oder weil Ihr Leben so belastend ist?“, will Wolter wissen. „Beides“, entgegnet der 58-Jährige mit den Tränen kämpfend.

Hilfe habe er lange gesucht, aber keine bekommen, erklärt der Angeklagte in einem Brief, den er aus der Untersuchungshaft an Thomas Wolter geschickt hatte und aus dem dieser gestern zitiert. Straffällig sei er geworden, um sein Glücksspiel zu finanzieren, aber ebenso um Essen zu kaufen. Auch seinen 22-jährigen Sohn habe er ernähren müssen.

Er habe keine Kraft und mit 58 Jahren auch keine Zukunft mehr, schreibt der Angeklagte, weshalb er in ein schwarzes Loch gefallen und nicht wieder herausgekommen sei. Seit er in Haft ist, weigert sich der sichtlich angeschlagene 58-Jährige zu essen, schätzt seinen Gewichtsverlust auf 30 Kilo. Er wolle „hungern bis zum Ende“.

Richter Wolter lobt die Offenheit des Angeklagten, äußert aber auch Besorgnis über dessen Gesundheitszustand. Ein Urteil war gestern trotz des Geständnisses nicht möglich, da zunächst Zeugen angehört werden müssen, die die Höhe der finanziellen Schäden bestätigen. Sechs wurden gestern angehört, weitere Zeugenbekundungen liegen in schriftlicher Form bereits vor. Diese und weitere Akten wurden den Prozessbeteiligten zur Lektüre ausgehändigt, die übrigen Zeugen müssen daher nicht erscheinen. Ein Fortsetzungstermin ist für den 16. September, 9.30 Uhr, bestimmt. VON DANIEL BIELING

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