Erinnerungen an Heute

Von Lotusblüte und Mistkäfern

Der Mai war einer ohne seine Käfer und sowieso kein rechter. Jetzt kommt der Juni und mit ihm – wetterunabhängiger – der Mistkäfer. Auch ohne Lupe strahlt sein Panzer blank wie ein Kinderpopo, eben nur pechschwarz.

Schwarz wie Klavierlack und manche PC-Gehäuse, womit ich beim Thema Lotusblüte bin, denn beide, Mistkäfer und Lotus, haben was mit Klavierlack und ähnlich eleganten Oberflächen zu tun. Bioniker sind Verwandte der Botaniker und Wissenschaftskollegen, die unsere Mutter Natur daraufhin beobachten, was wir von ihr lernen können, um das Gelernte so schnell wie möglich auf unseren High-Tech-Alltag übertragen zu können. Zunächst leiden Bioniker wie wir alle, wenn wir an einer Autostraße wohnen würden, unter dem Dreck, den Autos und Straßen auf unsere morgens gewienerten blanken Fensterscheiben werfen, so dass sie abends fast schon wieder halbblind sind bzw. wir, die wir dadurch gucken wollen. Nicht so der Mistkäfer, der auch nach stundenlangem Leben im Mist und sonstigem Dreck dieser Welt seinen Panzer strahlen lässt, als ob alle Chromschutzmittel der Welt an ihm ausprobiert worden seien. Dasselbe gilt für die Lotuspflanze. Egal in welcher verdreckten City sie ihre Lieblichkeit entfaltet: Sie strahlt unerschütterlich in ihrer Schönheit und Schönheit verbinden wir immer auch mit strahlender Sauberkeit. Kein Wunder, dass die Asiaten in Lotuspflanze und -blüte das Symbol schlechthin für Sauberkeit sehen – ohne einen einzigen Meister Propper und seine Reinigungsmittelindustrie in Anspruch nehmen zu müssen. Wasserabweisend, staubabweisend, dreckabweisend sind beide, Mistkäfer und Lotusblüte. All dies beobachtet, erforscht und übertragen auf menschlichen Alltag – und schon hatten die Forscher die Chemie von den Oberflächen von Mistkäfer und Lotuspflanze abgeguckt und in schmutzabweisende Lacke verwandelt (kennen Sie den Markennamen „Lotusan“ nicht? Na, eben!). Weist zurück auf das Vorbild vom Bewahren der Sauberkeit inmitten Misthaufen und City-Dreck. Von dort zum Klavierlack u.a. war es nur noch ein Winzigschritt. Bei aller Bewunderung für Botaniker, Bioniker, Chemiker, Mistkäfer und Lotusblüten: Ich finde deprimierend, was Gott in der Schöpfung für Fehler machte. Denn der Mensch ist angeblich die Krone seiner Schöpfung immer noch für die, die Darwin nicht kennen. Aber Krone hin oder her: Wir Kronen müssen uns täglich waschen, morgens, abends, am besten Duschen, Eincremen mit teuren Salben, Makeups, Ölen, besprühen mit Sprays um auch nur halbwegs und höchstens stundenweise dem Mistkäfer zu ähneln. Apropos der jüngsten Möglichkeiten, Menschliches zu klonen: Ich empfehle den Klonforschern, den Menschen der Zukunft mit dem oben genannten Wissen zu gestalten. Aber langsam – und nicht in 6 Tagen wie Gott alles schuf. Solch göttliche Schöpfungsfehler schlichen sich eben auch zu hohes Tempo ein.

Hans-Helmut Decker-Voigt ist Senior-Professor für Musikpsychotherapie der Musikhochschule Hamburg, arbeitet in Lehre und Forschung und als Schriftsteller. E-Mail-Kontakt: Prof. Dr. Decker-Voigt@t-online.de

Von Hans-Helmut Decker-Voigt

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