Ein Lichtblick in der Einsamkeit

Als Landarzt ist man bei Diagnosen auf sich allein gestellt.

Uelzen/Rosche. „Oh, der Herr Doktor!“ Ein Lächeln huscht über das Gesicht von Hilda Meyer. Die 90-Jährige sitzt vor dem Hauseingang, genießt die so seltenen Sonnenstrahlen dieses Nachmittags. Sie folgt Dr. Helmut Bögel in die gute Stube des Wohnhauses.

Der 59-jährige Allgemeinmediziner misst den Blutdruck der Seniorin, tastet die Beine ab. Hilda Meyer hat Herzprobleme und Arthrose in den Knien. „Die Beine sind wieder dünner geworden“, lobt der Arzt, „immer schön bewegen.“ Die 90-Jährige verspricht das: „Der Rollator ist Gold wert“, sagt sie.

Der Bauernhof auf dem Lande ist an diesem Nachmittag der erste Termin von Dr. Helmut Bögel. Auf Hausbesuch in den Dörfern. Der Allgemeinmediziner ist Landarzt im Osten des Kreises Uelzen, in dem das Aussterben der ärztlichen Versorgung so akut droht wie sonst nirgends.

Bereits in seiner Vormittagssprechstunde in der Roscher Praxis hat Bögel rund 70 Patienten behandelt. Am Nachmittag geht es über Land. Ob Suhlendorf oder Süttorf, Oetzen oder Jarlitz, Masendorf oder Molzen, Zernien oder auch Holdenstedt – „als Taxifahrer bräuchte ich weder Landkarte noch Navi“, scherzt der 59-Jährige. Er kennt jeden Schleichweg, jede Abkürzung.

Knapp eine Viertelstunde braucht er zu Hilda Meyer, eine Viertelstunde dauert die Untersuchung, inklusive Gespräch mit der berufstätigen Tochter der Patientin. „Ich finde einfach toll, dass er kommt. Wenn es diese Hausbesuche nicht mehr gäbe, wäre das ganz fatal für uns hier auf dem Lande“, sagt diese. Hilda Meyer hat es noch gut getroffen, sie ist eingebettet in ein familiäres Umfeld. Doch Bögel hat auch viele ältere Patienten, die ganz alleine sind in ihrem Haus auf dem Dorf, die praktisch gar nicht mehr herauskommen aus ihren vier Wänden. „Wenn ich da auf den Hof fahre, ist das bei manchen so ziemlich der einzige soziale Kontakt der Woche“, sagt er.

Hausbesuche seien unheimlich wichtig, deshalb macht der Roscher Arzt sie auch. „So erfahre ich viel über das soziale Umfeld meiner Patienten, nur in der Praxis blieben mir da manche Informationen vorenthalten, die bei verschiedenen Diagnosen wichtig sein könnten.“ So habe auch auf dem Lande die Zahl der psychisch kranken und depressiven Menschen erheblich zugenommen.

Knapp zehn Minuten dauert die Fahrt ins nächste Dorf. „Jetzt wird es schon schwierger“, sagt Bögel. Er hat sich angemeldet, aber ob seine Patientin ihm öffnet, weiß er nicht. 70 Jahre alt ist die Frau, alle vier Wochen braucht sie eine so genannte „Depot-Spritze“, die einen Monat vorhält. „In die Praxis käme sie deshalb nicht, stattdessen würde sie hier einsam körperlich abbauen“, schildert der Arzt. Auch Medikamente würde Elisabeth S. (Namen geändert) nicht regelmäßig nehmen: „Das kriegt sie nicht mehr hin.“

Helmut Bögel klingelt erst Sturm, dann hämmert er gegen die Haustür. Niemand öffnet. Dann „bearbeitet“ er den Hintereingang mit den Fäusten – und hat doch noch Glück: Elisabeth S. öffnet: „Heute wollten Sie kommen? Welcher Tag ist heute?“ Sie bekommt ihre Spritze, Zeit für ein paar Worte muss sein. Die Seniorin will ihren Gast jetzt eigentlich gar nicht mehr gehen lassen. In vier Wochen wird der Landarzt sie wieder besuchen.

Helmut Bögel sitzt wieder im Auto. Finanziell lohnt sich für ihn die Rundreise durch den Landkreis überhaupt nicht. „Pro Hausbesuch bleiben etwa sieben Euro über – brutto“, rechnet er vor. Wenn man diesen Nachmittag rein wirtschaftlich betrachte, „dann dürfte ich gar nicht erst ins Auto steigen“. Bögel macht es trotzdem: „Zum einen erwarten die Patienten es natürlich, zum anderen ist es für viele ältere Menschen die einzige Chance, mal mit einem Arzt zu sprechen. Die kommen doch nicht mehr weg aus ihrem Dorf und das soziale Umfeld ist einfach nicht da“.

Zunächst hat Bögel in Holdenstedt praktiziert, seit 1998 ist er in Rosche ansässig. „Finanziell ist man deutlich schlechter gestellt als in der Stadt, man hat hier weniger Privatpatienten, doch von denen leben die Ärzte nun einmal“, spricht der Mediziner „eine für viele unangenehme Wahrheit“ aus, „aber das ist die Realität“. Dabei sei die Verantwortung auf dem Lande nicht geringer, im Gegenteil: „Hier bist du alleiniger Entscheidungsträger, von morgens bis abends auf dich gestellt“. Und die Arbeitszeiten würden auch keiner Gewerkschaft gefallen...

Der nächste Ort. Helmut P., 69, ist seit Jahren psychisch krank, er lebt bei seiner Tochter. Beißender Gestank von Katzen und Hunden schlägt Bögel entgegen, die Tochter des Patienten hat ein Baby auf dem Arm und schaut kaum vom Fernseher auf. Der Arzt versucht mit dem 69-Jährigen ins Gespräch zu kommen, spritzt ihm ein Neuroleptikum. „Darf ich kurz stören“, fragt er dann in Richtung der Tochter, die nur widerwillig den Kopf vom Fernseher wegdreht. „Ihr Vater muss unbedingt mal wieder zur Vorsorge kommen, das ist wichtig.“ Die Antwort ist ein undeutbares Grunzen. Die Fernsehsendung ist gerade wichtiger.

Wieder im Auto. „Viele können ihre Höfe kaum noch halten, die finanziellen Probleme sind zu groß“, sagt der Arzt und zeigt auf löchrige Stalldächer und eingestürzte Nebengebäude. Bögel erlebt den schleichenden Verfall der Dörfer von Jahr zu Jahr, viel Einsamkeit, aber auch eine große Dankbarkeit. „Man hat hier nicht die Anonymität der Stadt“, schildert er. Der Arzt ist in seinem Ort eine Respektsperson und er ist bekannt wie ein bunter Hund – und seine Familie gleich mit. Dass Bögel oder seine Ehefrau beim Friseur oder beim Einkaufen auch gleich Ansprechpartner für medizinische Probleme sind, ist Alltag – „das hat alles seine Vor- und Nachteile“, sagt er.

Doch was muss sich ändern, damit der Landarzt-Job auch für Jüngere wieder attraktiv wird? „Wir müssen einfach eine bessere Bezahlung bekommen für das, was wir hier leisten hinsichtlich Wissen und Verantwortung“, fordert Helmut Bögel. Die Politik glänze da nur durch Flickwerk.

Die vielen technischen Geräte, die er vorhalte, rechneten sich eigentlich nicht: Ultraschall, Langzeit-EKG, Langzeit-Blutdruckmessgerät, Lungenfunktionsgerät, Hörtestgerät... „Alles Anschaffungen, die für eine Landpraxis nicht wirklich rentabel sind, die man aber braucht, wenn man einen gewissen Anspruch an seine Behandlung hat, und die natürlich eine schnellere und bessere Diagnostik ermöglichen.“ Dazu komme das Problem, dass man von Bürokratie förmlich erschlagen werde. „Dadurch geht täglich mindestens eine Stunde für die Versorgung der Patienten flöten.“

Der nächste Patient ist nach Holdenstedt gezogen. Horst-Harald Rieckmann versucht sich gerade von seiner letzten Chemotherapie, der er sich in Lüneburg unterzog, zu erholen. „Da in der Stadt ist man eine Nummer, hier bei Herrn Bögel bin ich ein Mensch“, sagt der 64-Jährige, der schwer an Darmkrebs erkrankt ist. Der Landarzt erörtert mit dem Ehepaar das Krankheitsbild, viel ausrichten kann er nicht. „Trösten, etwas gegen die Schmerzen verschreiben“, beschreibt er den über 30-minütigen Besuch.

Nach knapp fünf Stunden geht es wieder nach Hause für Dr. Helmut Bögel – am nächsten Vormittag warten in der Praxis die nächsten 70 Patienten auf den Landarzt. Über zwei Jahre hat der Roscher Arzt vergeblich versucht, einen Interessenten für seine Praxis zu finden. Jetzt endlich hat er eine Internistin gefunden, die ihm unter die Arme greifen wird. Zunächst im Angestelltenverhältnis und tageweise – „und vielleicht wird es ja die Nachfolgerin“, hofft der 59-Jährige.

Von Thomas Mitzlaff

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