Schuhmacher-Handwerk macht Wandel schwer zu schaffen / Nur noch ein Betrieb

Der Letzte im Landkreis

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„Oftmals ist gar nicht bekannt, was wir alles am Schuh machen“: Gläser beim Schleifen einer Schuhsohle.

Uelzen. Eine Milliarde! So viele Paar Schuhe gibt es in Deutschland. Die Zahl wurde natürlich nur erreicht, da so viele Frauen (aber auch Männer) viele, viele Schuhe kaufen. Die Zahl kommt vom Zentralverband des Deutschen Schuhmacher-Handwerkes.

Über 160 Millionen Füße in der Republik tragen Schuhe. Und die Menschen in diesem Land brauchen Schuhe auch weiterhin. Allerdings setzen sie mehr auf Billigwaren denn auf hochwertiges Leder.

Eine Reparatur lohnt sich für die Kunden nicht mehr, die Schuhe wandern in den Müll statt zum Schuhmacher. „40 Millionen Paar jährlich“, sagt der Uelzener Orthopädieschuhmachermeister Theo Gläser, werden weggeschmissen. Eine Reparatur beim Fachbetrieb kostet mitunter mehr als der Schuh selbst. Diese Tatsache bedingt die Schuhmacherzunft stark. Das ist nur ein Aspekt der den Wandel im Schuhmacher-Handwerk kennzeichnet. Gläser macht bei den Menschen eine „komische Einstellung zu Füßen“ aus. „Um die Füße kümmern sich die Menschen zu wenig“, sagt der Fachmann.

Und das, obwohl bei vielen Menschen der Schuh als Statussymbol gilt – das war er übrigens bereits vor 300 000 Jahren, als der Schuh erfunden wurde. Seine Vermutung, weshalb das so ist: „Der Schuh ist weit weg vom Kopf“. Er gibt zu bedenken: „Die Haare fallen und aus. Die Füße brauchen wird bis zum Schluss.“ Früher wäre es ohne Schuhmacher gar nicht gegangen. Im Mittelalter gab es Flickschuster, die versuchten, Schuhe vor der Entsorgung zu retten. Lange Zeit war das Schuhmacher-Handwerk allerorten vertreten.

Allein in Uelzen gab es 1950 30 Schuhmacher, die Schuhmacher-Innung des Kreises Uelzen zählte 126 Betriebe. Früher gab es „mindestens einen Schuhmacher im Dorf“, erzählt der 62-Jährige. Heute ist Gläser der einzige – im ganzen Landkreis Uelzen. Aber ehemals war es eben auch so, dass die Leute ihre Schuhe „reparieren lassen haben“. „Da war man froh, wenn man jemanden hatte, der einem Schuhe reparierte“, so der Schuhmacher. Der gebürtige Stederdorfer repariert seit Oktober 1984 Schuhe in seinem Fachbetrieb, den er am 1. Januar 1985 von seinem Vater Heino Gläser übernahm.

Gläser hat die Entwicklung im Schuhmacher-Handwerk mitgemacht. Nach seiner Lehre in Hannover, absolvierte er seine Gesellenjahre in München, machte dort den Meister und unterrichte zwei Jahre an einer Berufsschule. Dann ging er zurück nach Uelzen. Den Wandel im Schuhmacher-Handwerk registrierte der Uelzener bei seiner Arbeit auch an der Vielzahl „neuer Materialien auf dem Markt“, mit denen er sich auseinandersetzen musste. „Früher hat man nur Leder gehabt“, weiß Gläser. Allein „fünf bis sieben Klebstoffe“, sind dazugekommen. Messen, Schleifen, Kleben und noch viel mehr.

„Oftmals ist gar nicht bekannt, was wir alles am Schuh machen“, stellt der Schuhmacher fest. Möglicherweise so viel, dass der Kunde sogar um eine Operation herumkommt. Orthopädieschuhmachermeister wie Gläser, der auch zu einer Vereinigung von Schuhmachern gehört, die Maßschuhe anfertigen, können mit ihrem Einsatz am Schuh dazu beitragen, dass Schmerzen gelindert werden. Sie können Fußfehlstellungen erkennen und somit den Kunden zunächst den Weg zum Arzt weisen. Gläser, sein Mitarbeiter Michael Greibaum und eine Aushilfe fertigen etwa Einlagen und Schuhzurichtungen an. „Da sind die Leute sehr froh, wenn ihnen geholfen wird“, berichtet er.

Jedoch bereitet den Orthopädieschuhmachern heute dieses Aufgabenfeld auch Sorgen. Sie müssen sich mit Rezepten und Krankenkassen auseinander setzen, schließlich muss alles genau abgerechnet werden. Seine Ehefrau Renate unterstützt ihn dabei. „Das ist immer schwerer geworden“, bedauert Gläser den Papierkram. Und: „Viele Dinge sind nicht mehr leistungsfähig für die Krankenkassen“, fügt er hinzu. Gläser sieht darin ein „großes Problem“. Die Abfolge könnte lauten: Heute wird wenig in die Fußgesundheit investiert, die späteren Schäden wiegen höher. „Das kommt als Bumerang zurück“, vermutet er.

Auch für seinen Betrieb ist das Geschäft „hart“. „Es bleibt wenig übrig“, erklärt der Schuhmachermeister. Die Schuhmacher haben es schwer auf dem Markt. Laut statistischem Bundesamt ist der Durchschnitt des Umsatzes in diesem Handwerk vom dritten Quartal in 2010 zum dritten Quartal 2011 um 4,7 Prozent gesunken. Die Folge des harten Geschäftes für Gläser: „Ich habe jetzt keinen Auszubildenden mehr.“ „Da muss man sich Zeit nehmen“, erklärt Gläser, der kürzlich bei der Dreikönigstagung der Kreishandwerkerschaft Lüneburger Heide den Ehrenobermeisterbrief erhalten hat. Zeit ist bekanntlich Geld.

Bei den Ausgaben für die Schuhe sollten die Kunden aus Sicht des erfahrenen Uelzener Schuhmachers nicht sparen. „Einen vernünftigen Schuh kann man lange tragen“, merkt er an.

Und natürlich auch öfter mal reparieren.

Von Benjamin Post

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