Leichtsinn auf den Gleisen

Gesicht zeigen die Lokführer des Metronom für die Kampagne, hier Vanessa Heuer.

Uelzen - Von Thomas Mitzlaff. Es geschieht täglich, auf allen Bahnstrecken. Lokführer haben vor Augen, was auf keinen Fall sein darf: Menschen auf den Gleisen. Pendler, die noch schnell zum Zug eilen, Jugendliche, die über die Schienen laufen, Eltern, die mit ihrem Kind an der Hand an der geschlossenen Halbschranke vorbei über den Bahnübergang laufen. Rund 1000 Menschen sterben jährlich bei so genannten „Personenunfällen“ auf den Gleisen. Und längst nicht immer handelt es sich dabei um Selbstmorde.

Was muss passieren, damit Menschen ihr leichtsinniges Verhalten überdenken? Drastische Bilder von zerstörten Autos oder entsetzlichen Unfällen scheinen kaum zu wirken oder schnell vergessen.

Deshalb beschreitet die Uelzener Eisenbahngesellschaft Metronom einmal mehr einen eigenen Weg, um aufzurütteln. In einer bundesweit einmaligen Kampagne gibt sie diesem Thema ein Gesicht, genau genommen viele Gesichter: Metronom zeigt den Menschen in der Lok, mit seinen Gefühlen, Ängsten und dem Unverständnis über die Ignoranz derer, die nicht nur ihr eigenes Schicksal bewusst herausfordern, sondern durch ihr Verhalten auch das Leben eines Lokführers enorm belasten. „Zugegeben, die Kampagne mag provokant wirken. Doch es geht unseren Lokführern nicht um Effekthascherei, sie zeigen Gesicht und fordern zum Nachdenken auf“, erklärt Metronom-Sprecherin Tatjana Festerling. „Die Motive sind ab sofort in den Metromzügen zu sehen und sollen helfen, zu einer nachhalten Verhaltensänderung beizutragen.“

Am Bahnübergang zwischen Stederdorf und Wrestedt steht immer noch das große, von Kindern gemalte Plakat, das davor warnt, die geschlossene Halbschranke zu umgehen. Anlass für die Aktion war vor Jahren ein trauriger: Ein Mann hatte die Schranke ignoriert, war von einem ICE erfasst und getötet worden.

Die Situation in Stederdorf ist besonders brisant. Denn das Bahnsteigende grenzt dort direkt an den Bahnübergang, die eingleisige Bahntrasse scheint schnell überquert. Doch längst fahren dort auch Güterzüge in hohem Tempo – und die leisen ICE-Züge als Ausweichstrecke für die Linie Hamburg-Berlin.

„Glaubst du etwa, eine halbe Schranke am Bahnübergang bedeutet bloß halbes Risiko?“, fragt Steffen Riedel, Lokführer bei der Uelzener Metronom Eisenbahngesellschaft. Die Gefahr am Bahndamm ist für die Männer und Frauen in den Lokomotiven allgegenwärtig. Und immer wieder kommt es zu schweren Unfällen.

Jeden Tag riskieren Fußgänger ihr Leben, indem sie unerlaubt Schienen überqueren oder sich zu nahe an der Bahnsteigkante aufhalten. Ein Beispiel: ein etwa 100 Meter langer Abschnitt südlich des Uelzener Hundertwasserbahnhofs. Wenn in der Reithalle am Albrecht-Thaer-Gelände wieder einmal eine Fete war, zieht es junge Leute, viele von ihnen angetrunken, in die Kneipen an der Dieterichsstraße. Der Umweg über die Bahnhofstraße beträgt nur wenige hundert Meter, dennoch gehen viele über die Gleise. „Die Abkürzung übers Gleis kann schnell die Abkürzung deines Lebens werden – sind die fünf Minuten es wert?“, kommentiert das Lokführer Mario Wachs.

Bei dem Unternehmen weiß man, dass die Kampagne auf manchen befremdlich wirken kann und auch Widerstände zu erwarten sind. Das war nicht anders, als das Alkoholverbot in den Zügen eingeführt wurde, für das sich mittlerweile viele andere ebenfalls stark machen.

Doch beim Uelzener Metronom hofft man, dass die ungewöhnliche Aktion Wirkung zeigt. Für die Betroffenen natürlich, aber auch für die eigenen Lokführer. Denn auch ihr Leben verändert sich einschneidend, wenn sie einen Menschen überfahren.

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