Aufklärung mit dem Kinderschutzbund: Prof. Michael Schulte-Markwort erklärt Burnout bei Kindern

„Lehrer sind schlechte Vorbilder“

Uelzen. Auf Einladung des Kinderschutzbundes Uelzen und anlässlich des Weltkindertages ist am kommenden Montag, 28. September, um 19 Uhr Prof. Michael Schulte-Markwort in Uelzen zu Gast.

Er trägt zum Thema Burnout bei Kindern und Jugendlichen vor und liest aus seinem Buch „Burnout Kids: Wie das Prinzip Leistung unsere Kinder überfordert“. AZ-Redakteur Steffen Kahl hat ihn vorab zu der Dimension und den Ursachen des Problems sowie zu Lösungsideen befragt.

Burnout bei Kindern – worum geht es dabei? 

Die Leistungsorientierung unserer Gesellschaft spiegelt sich mittlerweile in den Köpfen vieler Schüler wider. Während in der Wirtschaft Ökonomisierungs- und Renditedruck bestehen, haben heute schon Grundschüler Gedanken wie: „Ich muss es aufs Gymnasium schaffen, sonst ist mein Leben verpfuscht.“ Andere meinen, sie müssen unbedingt mit 17 ein Einser-Abitur in der Tasche haben, damit etwas aus ihnen wird. Diese Schüler setzen sich dann oft selbst unter erheblichen Druck, der sie krank machen kann.

Wie groß ist das Problem? 

Je nachdem, wie man die Gruppe der Kranken definiert, kann man von drei oder mehr Prozent ausgehen. Das Spannende daran ist für mich vor allem, dass das Phänomen bei Kindern und Jugendlichen neu ist. Dass ich seit rund fünf Jahren einen erheblichen Zuwachs von Patienten mit massiven Erschöpfungserscheinungen behandeln muss, hat mich alarmiert. Deswegen gehe ich mit dem Thema auch bewusst in die Öffentlichkeit.

Wer ist betroffen? 

Mädchen häufiger als Jungen. Häufig sind es Gymnasiastinnen, deren Eltern der Mittelschicht angehören. Die wachsen nicht mit dem Spruch auf: „Du sollst es mal besser haben als wir“, sondern in der Angst, den relativen Wohlstand der Eltern selbst nicht zu erreichen. Auch die Unübersichtlichkeit des Arbeits- und Ausbildungsmarktes trägt zur Verunsicherung bei. Zu meiner Zeit musste man nur zwischen sieben Studiengängen wählen – das war leicht!

Welche Rolle spielt die Schule?

Ebenfalls eine erhebliche. Ich halte Schule in Deutschland für keinen Ort der Wertschätzung. Die individuellen Ressourcen werden nicht gezielt gefördert, Fehler unter die Nase gerieben.

Was sollte sich ändern?

Die Pädagogik. Wir brauchen eine Auseinandersetzung um die richtigen Konzepte. Mein Eindruck ist, dass gerade an Gymnasien nur Wissen vermittelt wird und pädagogische Konzepte im Grunde gar nicht bestehen. Ich merke das daran, wenn ich in Schulen frage, wie dort mit Teilleistungsschwächen wie Legasthenie oder Dyskalkulie konzeptionell umgegangen wird – ich gucke dann immer nur in ratlose Gesichter.

Und die Lehrer? Das ist auch problematisch, denn Lehrer sind leider die Berufsgruppe, die die Burnout-Statistik anführt. Nur rund zehn Prozent von ihnen sind bis zum Rentenalter berufstätig.

Ist Burnout ansteckend?

Zumindest sind erschöpfte Lehrer mit fehlender Motivation und Energie schlechte Vorbilder. Die Schüler nehmen das ja wahr und ziehen ihre Schlüsse. Beispielsweise den: „Ich muss selber mehr tun, wenn von meinem Lehrer so wenig kommt.“ Sie versuchen, gewisse Mängel auszugleichen.

Streben Sie in die Bildungspolitik?

Nein, ich bin Vollblut-Mediziner. Aber ich will die Diskussion, ob wir so viele erschöpfte Kinder haben wollen. Und was wir dagegen tun können. Die Rückkehr zu G 9 sehe ich weniger als Lösung, als beispielsweise die Reduzierung von Wettbewerb. Seit „Pisa“ werben die Schulen verstärkt mit Rankings um Schüler. In Hamburg erfolgt regelmäßig ein Ranking anhand der Schüler, die im Abitur einen Einserschnitt haben. Lärm und Klassengrößen sollten außerdem reduziert werden. In finnischen Klassenräumen darf es nicht lauter als 27 Dezibel sein. Deswegen gibt es dort kleinere Klassen. Schüler, mit denen ich nach einem Aufenthalt an amerikanischen Schulen spreche, sehen den größten Unterschied in der Haltung der Lehrer. Die entschuldigten sich, wenn sie Schüler etwas nicht verständlich erklärt haben. In Deutschland müssen Schüler es als ihren Fehler sehen, wenn Erkenntnisse ausbleiben – sie gelten dann schnell als zu faul oder zu dumm.

Zurück zu den Burnout Kids: Wie erkennen Eltern, dass mit ihrem Kind etwas nicht stimmt und wo können sie Hilfe bekommen? 

Eltern können erfahrungsgemäß ganz gut einschätzen, ob ihr Kind eine Phase durchmacht oder ob es sich bei auffälligem Verhalten wie Essstörungen, Traurigkeit und allgemeiner Lustlosigkeit um eine grundlegende negative Entwicklung handelt. Ansonsten kann man vielleicht sagen, dass sie sich Hilfe suchen sollten, wenn ihnen etwas länger als zwei Wochen komisch vorkommt. Diese Hilfe bekommen sie dann unter anderem bei jedem niedergelassenen Kinder- und Jugendpsychiater, Psychologen, Erziehungsberatungsstellen – und nicht zuletzt auch beim hiesigen Kinderschutzbund.

Von Steffen Kahl

Rubriklistenbild: © Grützmacher

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