Zwischen Wodka und Waldmeister

Bei Legalisierung von Cannabis spalten sich Meinungen von Uelzens Polizei und Medizinern

Uelzen/Landkreis. Man fühlt sich verfolgt. Jeder will einem Böses. Man hört Stimmen, Geräusche. Und man sieht Dinge, die gar nicht da sind. Cannabis kann schwere Psychosen auslösen.

Es wirkt auf gewisse Rezeptoren im Gehirn, die Halluzinationen hervorrufen können, aber auch Glücksgefühle. Wer Cannabis konsumiert, weiß Dr. Ulrike Buck, der wird – anders als oft beim Alkoholkonsum – friedlich, entspannt sich, verspürt auch mal ein stärkeres Hungergefühl. Doch eine Freigabe dieses Rauschmittels, wie sie zunächst nur in Bremen und mittlerweile in mehreren Bundesländern diskutiert wird, hält die Chefärztin der Psychiatrischen Klinik Uelzen für äußerst problematisch.

„Die Freigabe von Cannabis ist in medizinischen Kreisen sehr umstritten“, weiß Dr. Ulrike Buck. Da gibt es die Einen, die befürchten, dass jungen Menschen Entwicklungsmöglichkeiten genommen würden, die sie für die Reifung ihrer Persönlichkeit benötigten. Denn das Rauschmittel lasse sie „initiativlos werden und abstumpfen“. Außerdem könnten Jugendliche früh die Erfahrung machen, dass man einfach zu einer Substanz greifen könne, wenn man sich nicht gut fühle.

Dann gibt es die Anderen. Sie sagen, legal käuflicher Alkohol sei auf Dauer sehr viel giftiger als Cannabis. Er wirke stark auf den Körper und das Nervensystem; Cannabis beeinflusse vor allem das Nervensystem. Außerdem, so Buck, werde der Wirkstoff aus der Hanfpflanze bereits als Schmerzmittel eingesetzt, unter anderem in der Tumormedizin.

Aus ihrer Sicht sei die große Gefahr bei einer Legalisierung von Cannabis „die unkritische Einnahme“, sagt die Chefärztin, die in der Psychiatrischen Klinik unter anderem auch Suchtpatienten behandelt. Auch solche, die – häufig als eine Sucht von weiteren – abhängig von Cannabis seien. Zwischen 18 und 40 Jahren sind diese Patienten im Schnitt. Eine Freigabe von Cannabis würde Dr. Ulrike Buck unterm Strich nicht gut heißen. „Eine kontrollierte Abgabe wäre aber zu diskutieren“, findet sie.

Die Polizeigewerkschaft in Niedersachsen (PolGN) fordert unterdessen „Null-Toleranz-Konzepte“. Denn schon jetzt stellt die Staatsanwaltschaft immer wieder Strafverfahren wegen geringer Cannabis-Mengen ein – die aufwändige Arbeit der Polizei verläuft damit im Sande. „Wir sollten uns vielmehr darüber Gedanken machen, diese Grenze der geringen Menge in bestimmten Bereichen wie Schulen, Jugendzentren oder Spielplätzen abzuschaffen“, meint PolGN-Vorsitzender Thomas Kliewer.

Die Debatte über eine Legalisierung verharmlose den Konsum von Cannabis, meint Kliewer. Dennoch, so weiß die Sprecherin der Polizei-Inspektion Lüneburg/Lüchow-Dannenberg/Uelzen, Antje Freudenberg, sehe man eine Freigabe auch in Polizeikreisen unterschiedlich: „Manche sagen, Jugendliche würden derzeit kriminalisiert.“ Das Sich-ausprobieren sei bei Alkohol und Zigaretten schließlich auch möglich. Und letztendlich mache es immer die konsumierte Menge.

Freudenberg allerdings sieht das Problem der Dosierung bei einer Freigabe von Cannabis. Habe man ein oder zwei Bier getrunken, wisse man in etwa, wie das wirke. Bei Drogen verhalte sich das anders, warnt die Polizeioberkommissarin. „Die Drogen sind heutzutage chemisch aufbereitet“, sagt sie und macht das an einem plakativen Vergleich deutlich: „Wenn die Eltern als 68-er damals Haschisch geraucht haben, war das vielleicht wie Waldmeisterbowle trinken – heute ist das wie Wodka...“

Von Ines Bräutigam

Rubriklistenbild: © dpa

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