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Landkreis Uelzen: „Schmerzhafter Knall“ im Herbst – Preissprung für Haarschnitte erwartet

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Von: Lars Becker

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Friseure sind zwar als systemrelevant anerkannt, haben aber durch Corona immer noch eingeschränkte Auslastungsmöglichkeiten und damit Verdienstausfälle.
Friseure sind zwar als systemrelevant anerkannt, haben aber durch Corona immer noch eingeschränkte Auslastungsmöglichkeiten und damit Verdienstausfälle. (Symbolfoto: dpa) © dpa

„Je frühzeitiger wir transparent informieren, desto größer ist hoffentlich die Akzeptanz bei den Kunden.“ Das sagt Claudia Schmidt, seit 2009 Obermeisterin der Friseur-Innung Lüneburger Heide und seit wenigen Monaten auch Kreishandwerksmeisterin für die Landkreise Uelzen und Lüchow-Dannenberg.

Uelzen/Landkreis – Die 56-Jährige spielt mit ihrer Aussage darauf an, dass ihre Branche mit deutlich steigenden Preisen für den Friseur-Besuch rechnet.

„Wir müssen die fehlenden Einnahmen der Lockdowns und die Kosten, die trotzdem entstanden sind, hereinwirtschaften. Dazu kommen höhere Kosten für Hygienemaßnahmen, für Zulieferer, Terminausfälle durch Corona oder Quarantäne. Der schmerzhafte Knall wird im Herbst kommen, wenn die Energiekosten und der Mindestlohn von zwölf Euro voll durchschlagen, den ich für zwingend notwendig halte. Wer vorher knapp kalkuliert hat, wird die Preise deutlich anheben“, erläutert Schmidt, die in Holdenstedt ihren Salon mit drei Mitarbeitern betreibt. Sie geht davon aus, dass – je nach bisheriger Kalkulation von Filialist oder klassischem oder Ein-Mann-Betrieb – 20 bis 100 Prozent auf die Preise aufgeschlagen werden müssen.

Claudia Schmidt sieht ihre Branche in akuter Gefahr. Foto: becker
Claudia Schmidt sieht ihre Branche in akuter Gefahr. © Lars Becker

Im Alter von 25 Jahren hat sie sich bereits selbstständig gemacht. Jetzt erlebt sie die größte Krise ihrer Zunft: „Im Tierschutz würde man sagen, dass wir Friseure eine stark bedrohte Tierart sind. Es wird ums nackte Überleben einer ganzen Branche und nicht nur von Betrieben gehen. Nur zusammen mit den Endverbrauchern können wir das Boot wieder flott kriegen“, ist Schmidt sicher.

Sie wünscht sich mehr Wertschätzung für die Arbeit der Friseure – „wie für das Pflegepersonal oder Erzieher. Wir reden nicht über eine Dienstleistung, sondern über ein Vollhandwerk. Wir arbeiten nichts ab, sondern müssten individuell unsere Kreativität einsetzen. Wir haben zu den Kunden ein sehr persönliches Verhältnis, sind empathisch, schneiden aber nicht ehrenamtlich Haare. Und die sind nicht nur ein Anhang oben am Körper, sondern Ausdruck der Persönlichkeit. Sie begleiten uns 24 Stunden am Tag“, betont die Obermeisterin, die von einigen Betrieben im Landkreis weiß, die aufgegeben haben.

„Schwarzarbeit macht die Branche kaputt“

Das veränderte Kundenverhalten spiele eine Rolle, dazu die Schwarzarbeit auch hier vor Ort von ehemaligen Angestellten, die jetzt zu Hause oder mobil Haare schneiden und keine Steuern zahlen. „Die macht die Branche kaputt. Die Anmeldung beim Gewerbeamt reicht nicht als Legitimation. Ein Meistertitel ist immer Voraussetzung – das muss allen klar sein, die sich aus der Legalität verabschiedet haben. Das ist eine Straftat – für den Ausführenden und den Kunden. Und das, um ein paar Euro zu sparen. Ich lade alle ein, sich zu überlegen, in den Beruf zurückzukehren.“ Raus aus der Grauzone zurück in redliche Betriebe: Das müsse die Devise sein. Sie befürwortet daher die zunehmende Zahl an Kontrollen durch den Zoll – denn: „Wir müssen die Spreu vom Weizen trennen.“

Ganz entschieden wehrt sich die Innung gegen den Eindruck, man stopfe sich die Taschen voll. „Über 90 Prozent der Betriebe müssen die Corona-Soforthilfe nun doch zurückzahlen, weil die Bedingungen für diese Unterstützung im Nachgang geändert wurde. Viele Betriebskosten durften nicht angegeben werden. Hat man im April, Mai und Juni 2020 nur einen Euro verdient, dann zahlt man komplett zurück. Dass wir Friseure schon ab Mitte März geschlossen waren, spielt leider keine Rolle“, ärgert sich Claudia Schmidt.

Sie vergleicht die Situation mit den Tante-Emma-Läden: „Immer mehr sind in den 90er Jahren den Discountern gewichen. Daraus ist eine Abwärtsspirale nach dem Motto ‘Geiz ist geil‘ entstanden. Vielleicht steckt darin jetzt auch eine Chance für die Gesellschaft: Wofür geben wir Geld aus? Wir müssen neue Prioritäten setzen – Lebensmittel haben heute einen anderen Stellenwert.“

Die Branche kämpft zudem mit einer Petition um die Herabsetzung des Mehrwertsteuersatzes von 19 auf 7 Prozent. Das könne zumindest dabei helfen, dass die Preise für Haarschnitte nicht zu stark steigen müssten.

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