Radler mit Wut im Bauch

Landkreis Uelzen: Innerorts muss auf der Straße gefahren werden – die Vorgabe sorgt für Unmut

Peter Hansen ärgert sich über die Vorgabe, wonach Radfahrer an der Bahnhofstraße in Suderburg die Fahrbahn nutzen müssen. Die Risiken für Radler seien nun größer, meint er.
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Peter Hansen ärgert sich über die Vorgabe, wonach Radfahrer an der Bahnhofstraße in Suderburg die Fahrbahn nutzen müssen. Die Risiken für Radler seien nun größer, meint er.

Uelzen/Landkreis – Wenn Peter Hansen vor die Tür tritt, sieht er Autos, Laster und Radfahrer an sich vorbeifahren. Er wohnt an der Bahnhofstraße in Suderburg und sagt zur Situation: „Der Verkehr ist immens.“

Es ist jedoch nicht so sehr das Verkehrsaufkommen, das ihn umtreibt: Er ärgert sich über die Vorgabe, dass Radfahrer, die früher an der Bahnhofstraße auf einem kombinierten Rad- und Fußweg fahren durften, nun die Fahrbahn benutzen sollen – und das bei so viel Verkehr auf der Straße.

Als Anwohner der Bahnhofstraße und Radfahrer erklärt Hansen: In all der Zeit, in der auf dem kombinierten Rad- und Fußweg gefahren werden durfte, sei es nie zu brenzligen Situationen gekommen. Das sei nun anders, wenn sich Radfahrer die Fahrspuren mit Lastern teilen müssten. „Jetzt während der Zuckerkampagne fahren viele Lkws“, so Hansen.

Die Vorgabe besteht seit einer Änderung der Straßenverkehrsordnung zum Radverkehr. Grundsätzlich gilt demnach: Radfahrer haben innerorts auf der Straße zu fahren – es sei denn, die Verkehrsbehörde kommt zu dem Ergebnis, dass ein besonderer Gefahrenpunkt vorliegt. Dann könne auch eine Benutzungspflicht für einen Radweg vorgeschrieben werden, wie Andreas Dobslaw, Verkehrsexperte bei der Polizei, erläutert.

Radverbände machten sich für Regelung stark

Es ist eine Regelung, die nicht nur bei Peter Hansen in Suderburg für Unverständnis sorgt. Die 80-jährige Erika Reinke aus Bienenbüttel ist ebenfalls ungehalten: „Ich bin in Bienenbüttel testweise von der Uelzener Straße bis bis zur Volksbank gefahren. Ich hatte Angst um mein Leben“, sagt sie. Aus Gesprächen mit anderen Bienenbüttelern wisse sie, es ergehe ihnen ähnlich.

Uwe Kalischefski von der Verkehrswacht Uelzen bekommt immer wieder zu hören, dass sich gerade ältere Radfahrer auf der Straße unwohl fühlen. Der Mindestabstand beim Überholen von Radfahrern durch Autos oder Lastwagen von mindestens 1,50 Meter werde nicht immer eingehalten, sodass sich die Radler bedrängt fühlten, so Kalischefski. Ein Punkt, den auch Peter Hansen beklagt. Er fragt: „Wer um alles in der Welt hat sich nur so eine, für mein Befinden, völlig abstruse, querdenkende und somit gefährliche verkehrspolitische Entscheidung ausgedacht?“

Die Antwort weiß der Polizei-Verkehrsexperte Andreas Dobslaw – die Regelung sei, und das mag überraschen, durch die Radverbände wie den Allgemeinen Deutschen Fahrradclub (ADFC) gewollt. „Sie hatten aber bei ihren Überlegungen vor allem die Lage in den Großstädten im Blick“, schildert Dobslaw.

In Hamburg und Berlin seien die Zahlen von Radfahrern andere als im Landkreis Uelzen, auch baulich gibt es Unterschiede. Meterhohe Häuserfronten, durch die die Sicht auf den Verkehr auf Gehwegen eingeschränkt sei, gebe es hier nicht. Die Regelung, wonach im Grundsatz Radler innerorts auf der Straße fahren sollen, wurde aber landesweit eingeführt.

Verunsicherung bei Radlern

„Wir hätten uns mehr Ermessensspielraum im Einzelfall gewünscht“, meint Dobslaw. Diese Flexibilität, die Verkehrsführung so zu gestalten, dass sie auf die Situation vor Ort passt, gebe es aber nicht. „Uns sind hier im Landkreis Uelzen die Hände gebunden.“

An der Bahnhofstraße in Suderburg hält sich nicht jeder an die Vorgabe, auf der Straße zu fahren. Einige sind weiterhin auf dem Hochbord unterwegs, beobachtet die AZ. Ob sie wissen, dass sie das nicht dürfen oder willentlich die Vorgabe missachten?

Unter den Radfahrern herrsche auch viel Verunsicherung, meint Erika Reinke. Das hängt auch mit den Vorgaben selbst und den Auffassungen der Verbände zusammen. Eine solche Auffassung besagt: Ist bei einem früheren benutzungspflichtigen kombinierten Rad- und Fußweg noch die Radspur deutlich zu erkennen, beispielsweise durch Piktogramme oder durch eine eigene Pflasterung, so kann diese Spur noch befahren werden, meint jedenfalls der ADFC, sagt Dobslaw. Das macht die Lage nicht überschaubarer für die Radfahrer. Haftungsfragen bei Unfällen seien im Einzelfall zu klären, meint der Polizist.

Angesichts einer solchen Gemengelage wünscht sich Erika Reinke auch, dass noch mehr über Vorgaben und Regelungen für Radfahrer informiert wird, „damit die Leute wissen, wo sie fahren dürfen und wo nicht.“

VON NORMAN REUTER

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