KZ-Buchhalter sieht eine "moralische Mitschuld"

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Vor der Ritterakademie, in der gegen den 93-jährigen ehemaligen SS-Mann verhandelt wird, stehen Demonstranten.

mki/dpa Lüneburg. Der ehemalige SS-Freiwillige Oskar Gröning (93), dem die Staatsanwaltschaft Hannover Beihilfe zum Mord in mindestens 300 000 Fällen vorwirft, hat gestern am ersten Verhandlungstag vor der 4. großen Strafkammer des Landgerichts Lüneburg ausführlich Stellung genommen.

„Ich bekenne mich moralisch mitschuldig und ich bekenne mich zu dieser moralischen Schuld mit Reue und Demut vor den Opfern. Das Strafmaß überlasse ich dem Gericht.“

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Mit diesen Worten beschloss Gröning seine rund einstündige Erwiderung auf die Anklageschrift, die noch einmal die Gräueltaten im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau beschrieb und Gröning die wissentliche Hilfeleistung bei einer heimtückischen und grausamen Tötung vorwirft. Er habe das Geld und Wertgegenstände aus dem von Häftlingen zurückgelassenen Gepäck an die SS weitergeleitet und damit dem NS-Regime bewusst wirtschaftliche Vorteile verschafft. Darüber hinaus habe er, so die Staatsanwaltschaft weiter, durch seine Tätigkeit „bewusst den reibungslosen Ablauf“ des Massenmords gesichert.

Gröning steht erst jetzt vor Gericht, weil die Justiz bis 2011 darauf bestand, dass KZ-Aufsehern eine direkte Beteiligung an den Morden nachgewiesen werden muss. Frühere Ermittlungen gegen den SS-Mann waren daher 1985 eingestellt worden. Erst nachdem die Zentralstelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen ihre Beurteilung änderte, kamen die Ermittlungen gegen Gröning und andere KZ-Aufseher in Gang.

Der 93-Jährige schilderte auch grausame Vorgänge, die sich vor seinen Augen abspielten. Auf der Suche nach entflohenen KZ-Insassen wurde er Zeuge einer Vergasung in einem dafür umgebauten Bauernhof und hörte die langsam verstummenden Schreie der Opfer. Nachdem er sah, wie ein SS-Mann ein zurückgelassenes Baby gegen einen Lastwagen schlug und tötete, habe er Vorgesetzte eingeschaltet und um seine Versetzung an die Front gebeten, schilderte Gröning. Ihm sei aber gesagt worden, es gebe keine Möglichkeit, dort herauszukommen. Sollte Gröning verurteilt werden, erwartet ihn eine Strafe von mindestens drei Jahren.

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