Erinnerungen an Heute

Vom Kreuz mit dem Kreuz

Eine schwedische Bischöfin schlug vor einigen Wochen vor, den Flüchtlingen das Ankommen zu erleichtern. Die Bischöfin betreut in ihrem Bistum auch Häfen, in denen Flüchtlinge auf Fähren ankommen. Ihr Vorschlag:

Die schon von weither sichtbaren Symbole christlichen Glaubens auf den Kirchtürmen, die Kreuze, abzunehmen. Für ankommende Muslime könnten die christlichen Kreuze ein zusätzliches Kreuz bedeuten, das sie tragen müssten.

Hans-Helmut Decker-Voigt

Ich beschloss, nicht mal mit dem Kopf zu schütteln, weil es Vorschläge gibt, die auch kleinste Proteste nicht verdienen. Denn wo haben je Flüchtlinge, die zu uns kommen, diese Rücksicht gefordert? Wo sind die Flüchtlinge, deren posttraumatische Belastungsstörungen aus der Heimat oder von der Flucht nochmal dadurch verstärkt wurden oder gar erst ausgelöst wurden, weil sie einen deutschen Kirchturm mit Kreuz auf der Spitze sehen? In den Ländern des Islam, in die unsereins massenweise gerne fährt, an die Strände der Türkei, in die Hoteltürme von Dubai – erwarten wir da, dass mit Rücksicht auf unseren christlich geprägten Kulturkreis Kreuze auf den Moscheen warten oder jedenfalls mit Rücksicht auf uns Ankommende der (halbe) Mond samt Stern schnell mal untergeht statt aufgeht? Eben drum.

Ich hätte trotzdem den Kopf über die schwedische Bischöfin schütteln und viel darüber schreiben sollen. Denn es gibt dank Internet keinen noch so abwegigen, bizarren, verrückten, perversen Vorschlag (pervertere = lat. = verdrehen), der nicht gleich eilfertig von anderen aufgegriffen wird. So in Italien. Dort haben tatsächlich italienische Kollegen die Idee der schwedischen Bischöfin aufgegriffen, die Kreuze auf ihren Kirchtürmen in den Häfen abnehmen lassen.

Heiliger Bimbam, verehrter Papst Franziskus in Rom! Zum ersten Mal in meinem Leben träume ich davon, Eurer Heiligkeit eine Eil-Petition zukommen zu lassen, die Eure Heiligkeit veranlassen sollte, ihren Priestern die Leviten zu lesen und den protestantischen Kollegen, wie jener schwedischen Bischöfin gleich mit. Aber ich bin nur evangelisch. Noch besser wäre, wenn unsere Flüchtlinge die Adressen dieser Ideengeber hätten und ihnen verklickern, was ihr Ankommen besser erleichtert: Das Abnehmen der Kreuze oder gleich das schnelle Verstecken sämtlicher Symbole unseres hiesigen Kulturkreises (wie es Mao Tse Tung mit der Kulturrevolution tat). Oder Zuwendung, Wärme, Essen, Trinken, Zuhören, Klärung ihrer Zukunft und Respektanz ihres Glaubens, den sie sicher nicht so reflexartig verstecken würden wie diese Geistlichen ihre Kreuze.

Von Hans-Helmut Decker-Voigt

Hans-Helmut Decker-Voigt ist Professor für Musiktherapie und Schriftsteller. Er schreibt seit 1980 seine Kolumne. Kontakt: Prof.Dr.Decker-Voigt@t-online.de.

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