Ein Kommentar von AZ-Redakteur Gerhard Sternitzke

Kreis Uelzen: Droht ein neues Höfesterben?

Uelzen - Das Land ist im Aufruhr. Grüne Kreuze tauchen auf den Äckern auf. Der Protest verbreitet sich rasend schnell im Internet, auch vorbei am Bauernverband, angeschoben von einer einzigen Stadorfer Bäuerin.

Landwirte aus den Landkreisen Uelzen und Lüneburg wollen ihren Protest auf der Autobahn zeigen. Andere wollen in Bonn gegen das Agrarpaket und die neue Düngeverordnung der Bundesregierung demonstrieren.

Die Bauern fürchten um ihre Existenz. Und sie wollen nicht mehr schweigen. Die Kreuze stehen für ihre Höfe, die von Generation zu Generation weitergegeben wurden und die sie nun durch die neuen Regeln bedroht sehen. Durch Umschichtung von Subventionen in Richtung Umweltschutz, durch Einschränkungen beim Einsatz von Spritzmitteln und von Gülle und Kunstdünger. Allein im Landkreis Uelzen könnten 1000 Landwirte von der pauschalen Kürzung der Düngemittelmenge um 20 Prozent betroffen sein, hat der Bauernverband errechnet.

20 Prozent, das ist für die Betriebe ein Schlag ins Kontor. Weniger Dünger heißt geringere Ernteerträge. Einen finanziellen Ausgleich dafür gibt es nicht. Ein landwirtschaftlicher Betrieb muss schon gut aufgestellt sein, um solche Einnahmeausfälle zu verkraften. Droht ein neues Höfesterben?

Grundlage für diesen schweren Eingriff ist Nitrat in drei Messbrunnen, zwei davon im Landkreis Uelzen. Der Bauernverband vermutet Munitionsreste vom Truppenübungsplatz Munster und Altlasten der früheren Munitionsfabrik in Bad Bodenteich als Ursache. Für das zuständige Landesamt ist die Sache einfach: Diese Vermutung könne ja im Beteiligungsverfahren eingebracht werden. Bis zur Klärung müssen 1000 Bauernfamilien bangen.

Ob die Landwirtschaft Verursacher dieser Belastung ist, hätte eine verantwortungsvolle Behörde aber vorher klären müssen. Es stellt sich auch die Frage, ob es legitim ist, pauschal Landwirte in einer bestimmten Region, in diesem Fall im Kreisgebiet westlich der Ilmenau wirtschaftlich einzuschränken, wenn nicht einmal die Herkunft des Nitrats geklärt ist. Und das ohne jeglichen finanziellen Ausgleich.

Fest steht aber auch: Die Bevölkerung erwartet zu Recht, dass sie vor gesundheitsschädlichem Nitrat im Grundwasser geschützt wird. Insbesondere die massive Gülleausbringung in den westniedersächsischen Schweinehochburgen wird für solche Belastungen verantwortlich gemacht. Auch Gärsubstrate können das Grundwasser belasten. Beide sind gleichzeitig wertvoll, weil sie die Humusbildung im Boden fördern.

Was die Landwirte auch aufbringt: Dass sie in der Gesellschaft ständig auf der Anklagebank sitzen, obwohl sie nach den sogenannten Regeln der guten fachlichen Praxis wirtschaften. Und sie sind verunsichert durch bürokratische Auflagen, bei deren Nichteinhaltung hohe Strafzahlungen drohen. Manchem von ihnen schwant da, dass die Intensivierung, in die die Landwirtschaft auch von der Politik getrieben worden ist, eine Sackgasse für die Natur und die Betriebe selbst sein könnte.

Die Zahl der Biobetriebe wächst, und es ist richtig, dass die Umstellung gefördert wird. Aber wer bezahlt den Preis, wenn alle Bauern so wirtschaften würden?

VON GERHARD STERNITZKE

Rubriklistenbild: © picture alliance/dpa/Hauke-Christian Dittrich

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