Kreativität einzige Chance

Uelzen - Von Jürgen Köhler-Götze. Einen „heimlichen Lehrplan“ haben die Abiturienten des Lessing-Gymnasiums (LeG) in den vergangenen Jahren gehabt, so Studiendirektorin Karin Malangré. Einen, der alles verändert hat an ihrer Schule: die Lehrer, die Lehrpläne, das Gebäude und die Bedingungen für das Abitur. „Die Schüler haben bitter gelernt, dass gut geplante Veränderungen weniger Nachsteuerung brauchen als halb geplante.“

Die gymnasiale Laufbahn der jetzt entlassenen Abiturienten hatte am 21. August 2003 mit einem Tauziehen in der Sporthalle begonnen, erinnerte sich LeG-Direktor Hans-Joachim Lepel, und zwar mit 157 Schülern. Elf von diesen wechselten an andere Gymnasien, 80 Schüler von denen, die 2003 dabei waren, erhielten am Sonnabend ihr Abiturzeugnis. „Allein die Zeit der Pubertät, die bei einigen in der sechsten Klasse begann und bei anderen in der zehnten Klasse noch nicht vorbei war, führte zu einem Verlust von 30 Prozent der Schülerschaft“, sagt Lepel, „ein Phänomen, das inzwischen auch den Schulentwicklungsausschuss beschäftigt.“ Vor allem männliche Schüler seien in dieser Hinsicht auffällig. Den Eltern empfahl Lepel daher, sich darauf einzurichten, „ihren Söhnen eine weitere zehnjährige Versorgung angedeihen zu lassen“.

Elf Einser-Abiturienten wurden in der Entlassungsfeier geehrt. Aber auf das Lernen von Schulstoff allein, scheint es, waren die Schüler nicht gepolt. Ehrungen gab es auch für freiwillige Aktivitäten, wie die Teilnahme an der Theater-AG, die über die Jahre sehr produktiv war. Aus den Reihen des Orchesters, das den musikalischen Rahmen zur Entlassungsfeier beisteuerte, fanden sich Schülerinnen, die eigenständig Proben leiteten und so die Musiklehrer entlasteten. Schüler unterstützten begabte Mathematiker oder griffen ihren Mitschülern in der Informatik AG unter die Arme.

Ein Intelligenzquotient von 140 oder mehr bedeute nicht, dass man seinen Kalender richtig lesen könne, mahnte Lepel. „Bei Anruf 15 Punkte“ könne man dieses Kapitel überschreiben. Ein Schüler hätte um ein Haar seine Prüfung verpasst, wurde noch rechtzeitig angerufen und erzielte in der Prüfung die volle Punktzahl. Diesen Schüler habe er zu Beginn der Feier nach dem heutigen Datum gefragt. „Er wusste es nicht, war aber sicher, auf der richtigen Veranstaltung zu sein.“

Eric Meyer, LeG-Abiturient im Jahre 1988 und inzwischen Geschäftsführer des Instituts für Genossenschaftswesen an der Uni Münster, erinnerte sich in seiner Rede an seine ehemalige Schule als eine „mit Lehrer-Typen, die nicht rund gelutscht waren“ und schwärmte von der individuellen Förderung auf gutem Niveau. Die Welt neu erfinden und gleichzeitig unterhalten, das Niveau irgendwo zwischen Weizsäcker und Gottschalk angesiedelt, das sei der Wunsch von Lepel an Meyer für diese Rede gewesen. Der beschränkte sich lieber darauf, den Schülern „Drei kleine Irrtümer über die Zukunft“ zu erklären, darunter einen, mit dem er immer wieder selber durch Studenten konfrontiert wird. Es irrt, wer glaubt, man müsse nichts mehr lernen, weil man sich sein Wissen aus dem Internet besorgen könne. „Kreativität ohne Basiswissen, das die Einordnung von Informationen ermöglicht, ist nicht möglich“, mahnte er. Und Kreativität sei die einzige Chance, die den Schülern in der sich verändernden Welt bleibe.

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