Rund 1100 Besucher bei Auftakt-Konzerten der Uelzener Musiktage / Über 1000 Kinder singen zum Wochenstart

Kreativer Kantor und Quintett in a capella

+
Große und imposante Kulisse: Rund 150 Mitwirkende – darunter auch das Sinfonieorchester „Hamburger Camerata“– sorgten mit ihrem „Lobgesang der Maria“ für eine eindrucksvolle Eröffnung.

Uelzen. Was für eine Kulisse! Welch erwartungsvolle Stille. „Mit wunderbarer Musik gefüllte Minuten“, wünschte Propst Jörg Hagen in seinen Eröffnungsworten dem Publikum am Freitagabend anlässlich der glanzvollen Eröffnung der Uelzener Musiktage an St. Marien.

Unter dem Titel „Der Lobgesang der Maria“ kombinierte Kantor Erik Matz das Magnificat D-Dur von Johann Sebastian Bach mit dem Magnificat von John Rutter (*1945). Dazwischen das Sopransolo „Gesang der Maria“ von Otto Kaufmann (*1927).

Geht das? Was will einer nach Bach bei der Vertonung dieses Textes besser machen? Oder anders? Jedenfalls so, dass man hinhört, weil die ekstatische Wirkung der ewig aktuellen Verse vom Sturz der Gewaltigen und der Erhöhung der Niedrigen im Inneren rumort.

Die St.-Marien-Kantorei bildete einen überwältigenden Chor, der, trefflich eingestellt, das Kolorit der jeweiligen Musik noch ohrenfälliger machte. Mit gewohnter Kondition und mustergültiger Musikalität verhalfen die Sängerinnen und Sänger den Noten zu Strahlkraft, sangen sie sich mit Beweglichkeit durch die frohlockende Polyphonie des barocken Meisters genauso wie durch die manchmal doch sentimentalen Melodien des englischen Zeitgenossen. Bei Rutter klingt manches nach zeit-geistlicher Filmmusik.

Und trotzdem: Der Ansatz der Vertonung ist zwar dem von Bach ziemlich konträr, immer jedoch hochinteressant und genauso stimmig. Das Bachsche Adagio – die Tonart wendet sich hier zu h-moll – klingt bei Rutter wie eine irische Ballade. Der Chor blieb dabei zu jeder Zeit auf der Höhe der Aufgaben. Instrumental begleitet wurde der Abend kongenial von der Hamburger Camerata. Das Kammerorchester mit den wunderbaren Bachtrompeten hat in Uelzen einen guten Ruf.

Bei den Solisten hatte Tenor Jörn Lindemann die größten Probleme mit der Partitur Bachs. Stefan Adam war grundierter, verlässlicher Bass, Kerstin Rosenfeldt ein Alt mit schönem Timbre. Die größte Aufgabe fiel Heike Hallaschka (Sopran) zu. Nur selten hörte man in ihren Höhen Anstrengung, meist war sie würdiger Botschafter der Komponisten, wie es Counter Jochen Kowalski einmal von seinen Kollegen verlangte.

„Gottes Wort will gepredigt und gesungen sein“, war sich Martin Luther sicher. Schöner und eindrucksvoller, in ergreifender Forte-Schärfe genauso leuchtkräftig wie im anrührenden Piano, kann man diese Worte nach dem „Magnificat anima mea Dominum“ nicht verkünden. Am Ende gab es lange währenden Beifall für einen erschöpften Kantor, der alle Akteure erwartungsgemäß präzise geleitet hatte, und für rund 150 glückliche Mitwirkende.

Wahr – wahrhaftig – The Real Group!

Was brächte es, an dieser Stelle zu konstatieren, dass die Sängerinnen und Sänger der „Real Group“ zum allgemeinen Entzücken des großen Publikums sangen? Dass das Quintett aus Schweden vorbehaltlos souverän und prägnant, mit Leichtigkeit im Ton, sehr charmant und in mustergültiger Musikalität ihr Programm absolvierte. Was sagte das über den Spaß und die Begeisterung, die diesem Abend eingeschrieben waren? In jeder Note, mit jeder Moderation.

Was erzählt schon lakonisches Kritikerlob über Strahlkraft und stimmliche Kondition, über den Witz und die Authentizität, mit der die Gäste auf der Bühne standen. Abseits jedes Gedankens an routiniertes Abspulen einer Agenda, die man rund um den Globus gegeben hat und eben am Sonntagabend in Uelzen gab. Uelzen, na wenn schon. Nein, einfache Worte sagten da nichts weiter als dass das Ensemble zu glänzen wusste, mit sicherer Stimmführung brillierte, Genauigkeit der Artikulation selbstverständlich war, souverän phrasiert wurde.

Die Truppe aus Schweden gibt es seit 28 Jahren. Nach solch einer langen Zeit den Zuhörern immer noch das Gefühl zu geben, man spiele und singe an diesem Abend trotz einer perfekten, lichtdurchfluteten Bühnenschau, nur für sie allein – das ist Kunst. Keine Ansprache wirkt da müde, kein Kompliment abgegriffen. Es war ein zauberhaftes Konzert mit A-capella-Gesang der großen Klasse zwischen Count-Basie-Verbeugung, Michael-Jackson-Hommage, Country-Song und ganz vielen Eigenkompositionen. Darunter ein herrlich schräges Lied über die Spezies Tenor, natürlich gesungen von einem – Bass! Still Balladeskes und munteres Intervall-Gepurzel, jeder Ton der pure Stimmenluxus, nie überanstrengt.

Die Zustimmung im Publikum war mit Händen zu greifen, auch wenn sich mancher im Pausengespräch mehr Bekanntes gewünscht hatte. Dafür gab‘s am Schluss Mozartnoten und es war klar, dass die sympathischen Sänger nicht ohne Zugabe gehen würden.

Lisa & Michel reisen zum Meer

Sie müssen es erleben! Noch heute von 10 bis 11 Uhr haben Sie in der St.-Marien-Kirche die Gelegenheit! Aus allen Grundschulen des Kreises kamen sie gestern bereits. 560 Kinder, die lauthals sangen und mit Lisa und Michel das Meer suchten. Heute werden sich noch einmal so viele auf die imaginäre Reise machen.

Kantor Erik Matz hat mit einer kleinen Gruppe Grundschulpädagoginnen die Idee entwickelt für einen Auftritt, der den erwachsenen Zaungast anrührt. Die Organisatoren haben Liederhefte angefertigt für 1120 Kinder und sich eine Geschichte ausgedacht. Diese haben sie mit traditionellen Liedern und neueren Noten ausgeschmückt, Requisiten und Bühnenbilder organisiert und Spieler und Musiker als Erzähler gewonnen.

Herausgekommen ist eine Mitsingstunde, vor der der Zuhörer staunend steht angesichts der Begeisterungsfähigkeit durch die Musik. „Es funktioniert nur, wenn Ihr ganz mucksmäuschenstill seid“, begrüßt Erik Matz, der hier seine unleugbar pädagogischen Fähigkeiten beweist, die Kinder. Und die können das auch. Genauso wie sie ausgelassen mit „Bruder Jakob“ auf Französisch parlieren, Sascha im weiten Russland mit „Ras, dwa tri!“ anfeuern und über die „drei Chinesen mit dem Kontrabass“ singend fast chinesisch klingen. – Ein Mega-Spaß für alle. Die Großen und die Kleinen. Und ein Beweis dafür, wie sehr jeder Mensch Musik braucht.

Von Barbara Kaiser

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare