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Kommentar: Ein Krankenwagen für den Wolf

Die Krankenversorgung in Deutschland ist eine Zwei-Klassen-Gesellschaft, unterteilt in privat und gesetzlich Versicherte. Ein Umstand, den Sozialdemokraten und Grüne gerne bei jeder Gelegenheit heftig kritisieren. Doch ausgerechnet im rot-grün regierten Niedersachsen wird jetzt eine weitere Zwei-Klassen-Gesellschaft in der medizinischen Versorgung eingeführt – bei den Wildtieren.

AZ-Chefredakteur Thomas Mitzlaff

Wer etwa das Pech hat, als Reh oder Wildschwein durch die heimischen Wälder zu streifen und beim Überqueren einer Straße von einem Auto angefahren zu werden, wird, bei entsprechend schwerer Verletzung, vom Jagdberechtigten oder einem Polizisten von seinem Leid erlöst. Wer aber als Wolf identifizert wird, darf sich in der Region Hannover bei einem entsprechenden Leiden als VIP-Patient fühlen. Denn mit etwas Glück kommt der eigens angeschaffte Wolfs-Krankenwagen zum Einsatz. Und darin fehlt es dem verletzten Tier an nichts, sogar an eine Heizdecke ist gedacht.

Wenn man nun mal den nebensächlichen Umstand vernachlässigt, dass es in und um Hannover praktisch noch keine Wölfe gibt und die Wahrscheinlichkeit, dass einer angefahren wird, entsprechend gering ist, muss man ernüchtert feststellen, dass in diesem unserem Bundesland offenbar einiges aus den Fugen gerät. Wir haben mittlerweile Wolfsbeauftragte, wir haben ein Wolfsbüro, wir haben Wolfsberater, es soll eine Task Force eingerichtet werden, die rund um die Uhr bei Wolfsrissen zum Einsatz kommt.

Waldkindergärten trauen sich nicht mehr in Wälder oder statten Vierjährige mit Trillerpfeifen aus, Wölfe, die sich auf Weiden in Wohngebieten wagen, dürfen sich dort hemmungslos austoben und werden nicht gestoppt, stattdessen zahlt das Land fleißig Entschädigungen an Weidetierhalter.

Und wenn man denkt, der Wahnsinn könnte kaum noch gesteigert werden, schafft man nun Wolfskrankenwagen an. Was kommt als nächstes? Eine eigene Wolfsklinik?

Allmählich, dieses Eindrucks kann man sich nicht erwehren, gehen den Regierenden in diesem Lande alle gesunden Maßstäbe verloren. Wer als gesetzlich Versicherter für sein Kind einen Termin bei einem Facharzt braucht, muss ein Jahr warten; wenn er denn überhaupt einen Termin bekommt. Unsere Notaufnahmen platzen aus allen Nähten, weil die Politik offenbar unfähig ist, im Gesundheitssystem endlich nachzujustieren. Aber eines können wir: Verletzte Wölfe durch die Gegend kutschieren. Da wird sofort Abhilfe geschaffen, unbürokratisch und schnell.

Und dabei kann man durchaus diskutieren, ob diese Form der Verhätschelung wirklich im Sinne des Raubtieres ist oder ob sich damit nur realitätsferne Naturromantiker beweihräuchern wollen.

Ein Wolf, dem die Gedärme aus dem Leib quellen, gehört an Ort und Stelle von seinem Leid erlöst, wie es in den Straßengräben Deutschlands jede Nacht mit Wildtieren geschieht. So aber bleibt dann letztlich doch die Frage, ob es wirklich Glück ist, wenn man als Wolf in Deutschland durch die Wälder zieht...

Von Thomas Mitzlaff

Rubriklistenbild: © dpa

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