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Kommentar: Damoklesschwert oder Rettungsnetz? Die 13-Schüler-Regel

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Die Molzener Schule.

Kann eine Grundschule im Stadtgebiet in zwei aufeinander folgenden Jahren nicht mindestens 13 Erstklässler aus Uelzen oder den Ortsteilen vorweisen, wird sie geschlossen. Das besagt die 13-Schüler-Regel, die der Stadtrat 2015 mit der Einführung der Ganztagsschulen beschlossen hat.

Doch diese Regel ist seit vergangenen Montag passé. Die Politik entschied, die Regelung wieder zu kippen. Einige Ratsmitglieder stimmten dafür aus Überzeugung, wie sie glaubhaft in ihren Reden versicherten. Doch ist aus Fraktionskreisen auch zu hören, dass auf einzelne Ratsleute massiv Druck ausgeübt worden sei – der Grund, warum Klaus Knust (SPD) eine geheime Abstimmung beantragte.

Eltern, deren Kinder die Molzener Grundschule besuchen sowie die Lehrkräfte und die Schulleitung hatten in den vergangenen drei Jahren unermüdlich für die Abschaffung der 13er-Regel gekämpft. Es gab Kundgebungen vor dem Rathaus, Plakate in Ratssitzungen und direkt vor der finalen Entscheidung haben Grundschüler noch Äpfel an die Anwesenden verteilt.

Doch nur, weil es die 13er-Regel jetzt nicht mehr gibt, bedeutet das nicht, dass die Molzener Grundschule auf Jahre gesichert ist. Die auf Geburten prognostizierten Schülerzahlen in Molzen sind in den kommenden Jahren rückläufig: 2020/21 rechnet die Stadtverwaltung mit neun Erstklässlern aus dem Stadtgebiet, im Schuljahr 2021/22 nur noch mit fünf. Jahr um Jahr wird die Schule um jeden einzelnen Schüler kämpfen müssen. Und – da ist sich Uelzens Bürgermeister Jürgen Markwardt sicher, „wenn in Molzen auch in Zukunft nicht alle Anstrengung unternommen wird, dann wird es schwierig.“

Die Regel habe wie ein Damoklesschwert über dem Schulalltag geschwebt und Druck ausgeübt. So beschreibt es die Schulleiterin. Dieser Druck sei nun weg. Doch war die 13er-Regel wirklich ein Damoklesschwert oder nicht doch ein Rettungsnetz? Wann immer die Schule in einem Jahr weniger als 13 Erstklässler aus dem Stadtgebiet hätte vorweisen können, hätte man immer die Möglichkeit gehabt, im darauf folgenden Jahr die Hürde zu nehmen.

Hinzu kommen andere Probleme, die damit einhergehen, wenn die Schülerzahl in Molzen weiter sinkt: Der Landesrechnungshof hat die Situation von Kleinstgrundschulen in Niedersachsen untersucht und ist zu dem Ergebnis gekommen, dass die wenigen Lehrkräfte extrem belastet sind. Mehr als die Hälfte aller Fächer werden von Lehrkräften ohne entsprechende Lehrbefähigung unterrichtet. Und wird eine Lehrkraft krank, werden nicht selten Klassen zusammengelegt oder Eltern springen ein. Zudem besteht die Gefahr, dass bei zu geringer Schülerzahl Kombiklassen gebildet werden – verschiedene Jahrgänge in einer Klasse, was nicht zur Unterrichtsqualität beiträgt. Diese Qualität aber zu gewährleisten, dafür stand die 13-Schüler-Regel.

Es bleibt abzuwarten, ob die Schule, da der Druck jetzt weg ist, alles unternehmen wird, um Erstklässler nach Molzen zu holen. Denn sollte das in den kommenden Jahren nicht der Fall sein, besteht die Gefahr, dass sofort darüber diskutiert wird, ob der Betrieb noch Sinn macht. Einen doppelten Boden gibt es jetzt nicht mehr.

Die Schulleiterin dagegen rechnet nun eher mit mehr Schülern als bisher. Denn Eltern, die ihre Kinder gerne in Molzen anmelden wollten, seien zuvor unsicher gewesen, weil sie nicht wussten, ob die Schule in zwei Jahren nicht geschlossen wird. Diese Gefahr bestünde nun nicht mehr.

Die kommenden Jahre werden zeigen, ob die Molzener zu Recht für die Abschaffung der Regel gekämpft haben oder ob sie einen Geist aus der Flasche gelassen haben, den sie nicht mehr einfangen können.

Von Sandra Hackenberg

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