Komm kuscheln

Von Sven Kamin Scheeßel. Huch. Was ist das? Es scheppert und rumpelt in den Lautsprechertürmen und dann geht es rund. Ist es ein Huhn? Ist es ein Alu-Folie-Experiment? Nein. Es ist Skin, Sängerin der britischen Rockband Skunk Anansie.

Und die glatzköpfige Frau mit der schwarzen Haut und dem bizarren Kostüm will offensichtlich erstmal eines: Anständig ausrasten. Sie schleudert den Fans ihre messerscharfen Gesangslinien entgegen, herzt ihren Gitarristen, entblößt seine Brustwarze und leckt daran, springt, schreit, singt und wandelt schließlich auf den Händen der Zuschauer über das wogende Fan-Meer.

So macht man das. So bringt man auch ein Hurricane-Festival in Scheeßel an einem zweiten Tag in Schwung, der eher als einer der kuscheligeren in die Festival-Geschichte eingehen dürfte – vorerst.

Dass es Altmeister wie Skunk Anansie richten müssen, die Ende des vergangenen Jahrtausends mal richtig angesagt waren und nun nach fast zehnjähriger Trennung auf Wiedervereinigungs-Tour sind, sagt so einiges. Denn so ein wenig geht es dem zweiten Festivaltag so wie der deutschen Nationalmannschaft – es fehlte am Capitano, am großen Star, auf den sich alle Hoffnungen richten, der alle Kräfte kanalisieren kann.

Hatten am Eröffnungsabend noch die Beatsteaks und Mando Diao das entsprechende Format bewiesen, freuten sich am Sonnabend zwar die Kanadier von Billy Talent wie Bolle, den Abend als Hauptband (neudeutsch: Headliner) krönen zu dürfen, und machten sogar dabei einen ganz anständigen Job. Viele Hits. Emo-Punk mit Schmackes. Kein Fehler also.

Aber es täuscht doch nicht darüber hinweg, dass die ganz großen Stars in Scheeßel in diesem Jahr fehlen. Surf-Sänger und ebenfalls Headliner Jack Johnson lockt zwar viel Volk vor seine Bühne, aber der lässige Sommer-Reggae-Groove passt vielleicht doch besser an einen hawaiianischen Strand als in eine nur mäßig sonnige norddeutsche Tiefebene. Und auch die Trip-Hop-Legenden von „Massive Attack“ hätten vielleicht an einem wärmeren Abend mit weniger Regen mehr Durchschlagskraft entwickeln können.

Dafür ist eine starke zweite Reihe am Start mit Bands wie eben Skunk Anansie oder den Bremern Element of Crime, den Deftones oder den guten alten Stone Temple Pilots. Der Star sind nicht die Stars, der Star ist das Festival. Auch das Wetter bleibt unaufgeregt: Keine brennende Sonne, die die Besucher außer Gefecht setzt, kein Regenguss, der die Zelte wegspülen könnte, sondern nur der ein oder andere kleine Schauer, der sogar noch den etwas lästigen Staub der ersten Stunden abbindet.

Hurricane 2010 das ist am Sonnabend kein hysterischer Hype, sondern viel Zeit, um sich durch das wahrhaft vielseitige kulinarische Angebot zu futtern, sich in den mobilen Studios piercen oder tätowieren zu lassen oder lässig in den hippen Lounges des Sponsoren abzuhängen, zu kuscheln – oder einfach um gute Musik zu hören.

Denn die gibt es reichlich. Zum Beispiel von den britischen Progressive-Rockern von Porcupine-Tree. Mystische Gitarren, vertrackte Song-Gebirge. Brillant aber nicht unbedingt das, was man spontan unter Festival-Musik verstehen würde. Ein paar verzweifelte Party-Sucher greifen da spontan zur musikalischen Selbstjustiz versammeln sich im Zelt eines Rum-Herstellers und tanzen zu „Hey, das geht ab“, der Party-Proller von Atzen Musik vom Plattenteller, während ein Hilfs-DJ auf der Theke tanzt. So geht das also auch.

Andere schmieden bereits Schlachtpläne, wie sie vielleicht doch noch einen Platz in den chronisch überfüllten Musik-Zelten ergattern können, um die Frittenbude, Erol Alkan oder Boys Noize zu sehen. Auch daraus soll nichts werden. Denn an dieser Stelle wird der gemütliche Tag doch einmal kurz ungemütlich: Als immer mehr Fans zu Frittenbude unter die Zirkus-Kuppel drängen, droht die Situation kurz außer Kontrolle zu geraten. Die Veranstalter brechen den Auftritt ab und schließen das Zelt für den Rest des Abends. Aus die Maus. Party, so scheint es, gibt es erst am Sonntag wieder, wenn Faithless, Deichkind, The Strokes und The Prodigy zum Abschluss noch einmal das Raketentriebwerk zünden wollen.

Am frühen Sonntagabend kündigte schon einmal das Wetter den Burgfrieden auf und setzte mit wütenden Schauern das Gelände unter Wasser und forderte eine Trotzreaktion von Bands und Fans zum Finale heraus. Mehr dazu morgen in Ihrer AZ.

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