Aktion zum Pflegenotstand auf dem Herzogenplatz: Pflegende erzählen aus der Praxis

„Die Kollegen sind ständig in Hetze“

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Gestern Mittag auf dem Herzogenplatz in Uelzen: Das Pflegenetzwerk hat dazu aufgerufen, Gesicht zu zeigen in Sachen Pflegenotstand. Etwa 40 Kräfte sind gekommen – allerdings blieb man weitestgehend unter sich.

Uelzen. Gewitterstimmung am Uelzener Herzogenplatz: Gestern gegen Mittag ziehen dunkle Wolken am Himmel auf – und auf dem Boden formuliert Constanze Schulz Sätze wie Donnerschläge.

Seit 20 Jahren ist sie in der ambulanten Pflege tätig, sagt zur Situation heute: „Die Kollegen sind ständig in Hetze, ihnen bleibt nicht die Zeit, um sich intensiver den Patienten zu widmen. Letztlich werden sie selbst krank – und dann bleibt noch ein kleinerer Kreis an Mitarbeitern.“

Der Pflegenotstand hat inzwischen auch den Landkreis Uelzen erreicht, sorge, wie die ambulante Pflegekraft zusammenfasst, bei den Patienten für Verdruss und bei den Pflegenden für Frust und höhere Krankenstände. Deshalb ist Schulz gestern auch auf dem zentralen Platz anzutreffen – und nicht nur sie alleine. Das Pflegenetzwerk Uelzen hat dazu aufgerufen, Gesicht zu zeigen in Sachen Pflegenotstand.

Im Pflegenetzwerk sind unter anderem die ambulante und stationäre Pflege, die Klinik und Pflegeausbildungsschulen organisiert – sie alle klagen über fehlende Arbeitskräfte, eine Situation, die tagein, tagaus die Menschen in der Pflege zu spüren bekommen. „Dann wird wieder jemand krank, und die Tagespläne müssen überarbeitet werden. Das heißt, du musst Arbeitszeit noch hinten dran hängen“, so Bianca Lambrecht. Das trage nicht zum Hausfrieden in der Familie bei.

Bei solchen Aussichten: Wer fängt da in der Pflege an? Oder bleibt dort? „Ich habe vor fünf Jahren mit 15 weiteren die Ausbildung zur Altenpflegeassistentin angefangen“, sagt Cindy Eisemann. „Drei sind heute noch in der Pflege tätig.“

Der Mangel an Kräften in der Pflege ist ein bundesweites Phänomen, die Berliner Regierung widmet sich der Thematik. Gesundheitsminister Jens Spahn hat ein Paket vorgestellt, mit dem Linderung geschaffen werden soll. Zusätzliche Stellen werde es geben, kündigte er an. „Aber woher die Menschen dafür nehmen?“, fragt Bianca Lambrecht. Sie und ihre Kollegen hätten doch schon im Bekanntenkreis für den Pflegeberuf geworben. Vergebens.

Spahn hat auch gesagt, man werde Kräfte im Ausland werben müssen. Ein Satz, den die Pflegeheim-Leiterin Katrin China mit Interesse vernommen hat – sie weiß zu berichten, dass Menschen, die willig sind, in Deutschland in der Pflege zu arbeiten, Monate auf einen Termin in der Botschaft warten, um die benötigten Unterlagen zu bekommen. „Daran muss die Politik auch arbeiten, dass solche Prozesse schneller gehen“, so China.

Nach gut einer Stunde sind die aufgezogenen Wolken weitergezogen und gegen 13 packen auch die Pflegekräfte zusammen. Das war dann alles am Himmel und am Boden? „Nein“, sagt Pflegedienstbetreiberin Birgit Ohrenschall-Reinhardt. „Das war nur der Auftakt. Es sind weit mehr Aktionen geplant. Die Schublade ist voll mit Ideen.“

Von Norman Reuter

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