Berlins Altbürgermeister Diepgen berichtet HEG-Schülern, wie er die Wiedervereinigung erlebt hat

„Kohl hat nicht auf mich gehört“

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Die Wiedervereinigung Deutschlands und den Fall der Mauer, der als Foto um die Welt ging, hat Berlins ehemaliger Bürgermeister Eberhard Diepgen hautnah miterlebt. 

Uelzen. Der 9. November 1989 wird Eberhard Diepgen immer in lebhafter Erinnerung bleiben – nicht nur, weil der ehemalige Regierende Bürgermeister von West-Berlin an diesem historischen Tag hautnah mitbekommen hat, wie in der jetzigen Landeshauptstadt die Mauer gefallen ist.

„Meine Tochter hat an diesem Tag Geburtstag“, erzählte er nun den Schülern des Herzog-Ernst-Gymnasiums. „Bis heute ist sie mir böse, dass ich sie nicht mitgenommen habe, damit sie auf der Mauer tanzen kann. “ Die Schüler lauschten gespannt, als der 75-Jährige eine gute Stunde lang erzählte, wie er die Wende erlebte.

„Ich freue mich sehr, dass uns Herr Diepgen Zeugnis aus dieser geschichtsträchtigen Zeit gibt, die für euch Schüler vielleicht schon so weit weg ist wie der Bauernkrieg oder das Mittelalter“, sagte Schulleiterin Gabriele Diedrich. „Uns interessieren ihre persönlichen Eindrücke, und wie Sie sich damals gefühlt haben, als die Mauer gefallen ist“, sagte ein Schüler zu Beginn.

Eberhard Diepgen im Herzog-Ernst-Gymnasium.

Und die bekamen sie auch. Diepgen plauderte freimütig drauf los, dass er ein klassischer Wessi – mehr noch, ein typischer West-Berliner – sei. Dass er mit dem Landkreis Uelzen eng verbunden ist, begründete er damit, dass es vor der Wende üblich gewesen sei, sich ein zweites Domzil außerhalb der Metropole zuzulegen. Das sollte zwar zügig zu erreichen, aber auch weit genug weg von den Problemen sein, die in der zweigeteilten Großstadt alltäglich waren. „Deshalb gibt es hier im Landkreis Uelzen eine Anhäufung alter West-Berliner“, erklärte er.

Die Wende, sie habe laut Diepgen ganz harmlos als Gegenbewegung der Bürger begonnen. Erste Demos habe es laut Diepgen im Januar 1988 anlässlich des Todestages (15. Januar 1919) der ermordeten Kommunisten Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg gegeben. „Da ging es noch lange nicht um Wiedervereinigung, sondern um Freiheit für den Einzelnen und höhere Leistungsfähigkeit“,so der CDU-Mann.

In diesem Jahr habe Diepgen den SED-Generalsekretär Erich Honecker und dessen Sekretär für Wirtschaft, Günter Mittag, zweimal getroffen. Noch heute kann sich Diepgen lebhaft daran erinnern, wie selbstbewusst die beiden gewesen seien und unterstellte ihnen „massiven Realitätsverlust“. Das habe sich zum Beispiel darin geäußert, dass Honecker und Mittag immer von den Robotron-Computerchips aus Leipzig geschwärmt hätten, die auf dem Weltmarkt jedoch nicht konkurrenzfähig gewesen seien. „Es war nicht so, dass die Leute in der ehemaligen DDR weniger leistungsfähig waren“, betonte Diepgen. „Sie hatten einfach keinen internationalen Kontakt.“

Auch, wenn sich die Entwicklung bereits abgezeichnet hätte, sei der Fall der Berliner Mauer für alle überraschend gekommen. Den damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) habe Diepgen per Telefon gewarnt, dass er nicht zum Rathaus Schöneberg fahren solle. „Kohl hat nicht auf mich gehört und es trotzdem getan.“ Das Ergebnis ging in die Geschichte ein: Vor laufenden Kameras wurde er von den Bürgern ausgepfiffen.

Dass Diepgen seine Tochter damals nicht mit an die Mauer genommen hat, habe ernste Gründe gehabt. „Ich habe dem Frieden nicht getraut“, erklärt er und verweist auf den Platz des Himmlischen Friedens in Peking, wo nur Wochen zuvor chinesische Demonstranten von der Regierung niedergeschossen wurden. Die Angst vorm Militär habe Diepgen erst am 30. August 1994 verloren, als die letzten russischen Truppen aus Deutschland abgezogen wurden. Als bewegenden Moment beschrieb Diepgen die Szene, als die Russen im Stechschritt von dannen gezogen sind – mit einem Lied auf den Lippen: „Deutschland, wir reichen dir die Hand und kehren zurück ins Vaterland.“

Von Sandra Hackenberg

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