Baby-Tod-Prozess: Psychiater legt Schlussgutachten vor

Kindstötung in extremer Panik?

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Uelzen/Lüneburg. War es ein Unfall oder gewaltsame Tötung? Dieser zentralen Frage versuchte gestern die Jugendkammer des Lüneburger Landgerichtes im Fall des im November vergangenen Jahres getöteten Neugeborenen einer 21-jährigen Uelzenerin näher zu kommen.

Allerdings gestaltet sich die Aufklärung des Falls schwierig Zwei Rechtsmediziner kommen unabhängig voneinander zu unterschiedlichen Auffassungen.

Das Baby war, wie berichtet, vergangenen Winter in einer Plastiktüte in einem Schrank gefunden worden; die junge Frau, die nachweislich die Mutter ist, streitet ab, schwanger gewesen zu sein und ein Kind geboren zu haben. Die Obduktion hatte ergeben, dass das Kind erstickt ist. Doch während eine Gerichtsmedizinerin aufgrund der Spurenlage einen Unfall ausschließt, war ihr Berufskollege gestern anderer Meinung: Es gebe zu viele Unsicherheiten in diesem Fall; man wisse beispielsweise nicht, unter welchen Umständen die Geburt stattgefunden habe. Außerdem habe die 21-Jährige viel Blut verloren, was eine teilweise Bewusstseinsstörung zur Folge gehabt haben könnte – sie hätte das Kind also unbeabsichtigt ersticken können. Mit dem Gewicht ihres Armes, ihres Beines oder einer Decke, so der Rechtsmediziner.

Während seine Kollegin aufgrund dieser Einschätzung ihre eigene Bewertung des Falls noch einmal überprüfen will, hat der Psychiater gestern sein Schlussgutachten vorgelegt. Es soll die Persönlichkeit der Angeklagten näher beleuchten. Nach Einschätzung des Psychiaters gibt es keinerlei Anhaltspunkte für eine Persönlichkeitsstörung oder Minderbegabung, die Angeklagte falle aber durch Unsicherheit und Ängstlichkeit auf. Sie habe eine „dependente Persönlichkeitsakzentuierung“, im Klartext: Sie sei eher passiv, unterwürfig und schüchtern und habe große Angst, verlassen zu werden.

Diese Verlustangst könnte laut Psychiater dazu geführt haben, dass die 21-Jährige ihre Schwangerschaft geleugnet und verdrängt hat – denn mit der Geburt des Kindes hätte sie selbst ihren Status als kindliche, mädchenhafte Person, die behütet und um die sich gekümmert werden muss, verloren. „In dieser Rolle schien sie sich eingefunden zu haben“, so der Gutachter. Von der eigentlichen Geburt sei die Angeklagte dann wohl so sehr überrascht worden, dass die Tötung des Neugeborenen in einer „extremen Stress- und Paniksituation“ erfolgt sein könnte. Der Psychiater führte Studien an, die diese Theorie untermauern.

Dass die Angeklagte die Schwangerschaft nicht wahrgenommen hat, hält der Psychiater für unwahrscheinlich. „Sie nahm die Anzeichen wahr, verdrängte sie aber, es war etwas Ungewolltes, Ungeliebtes – was nicht sein darf, ist nicht.“ Und auch wenn die junge Frau mit ihrer Ausbildung zur Pflegeassistentin, der Abgrenzung vom Elternhaus und einer festen Partnerschaft objektive Kriterien für eine Annehmbarkeit des Erwachsenseins erfülle, kann der Psychiater aufgrund ihrer unreifen Persönlichkeit, die als Schutzmechanismus dient, eine verminderte Schuldfähigkeit nicht ausschließen.

Damit schließt sich der Psychiater einem vorangegangenen Persönlichkeitsgutachten an, das ebenfalls besagt: So es denn zu einer Verurteilung der Angeklagten kommen sollte, wäre nach seiner Auffassung trotz ihres Alters die Anwendung des Jugendstrafrechts in Erwägung zu ziehen. Der Prozess wird in Kürze fortgesetzt.

Von Ines Bräutigam

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