INTERVIEW Auf dem digitalen Schulhof

Was Kinder am Handy und in sozialen Netzwerken erleben

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Im Alltag von Kindern und Jugendlichen spielen das Handy und soziale Medien eine gewichtige Rolle: Die Heranwachsenden werden dabei mit Inhalten konfrontiert, die sie nicht verarbeiten können, sagt Moritz Becker.

Uelzen/Hannover – Bereits Jungen und Mädchen im Grundschulalter besitzen heute ein Smartphone. Sie posten Videos sowie Bilder in sozialen Netzwerken wie Facebook, Snapchat und Co, sie tauschen sich über Whatsapp aus.

Kursierende Videos zu Enthauptungen und Beleidigungen in Kommentaren sind dabei keine Seltenheit, unter denen die Heranwachsenden leiden.

Sozialarbeiter und Medien-Trainer: Moritz Becker.

Moritz Becker ist Sozialarbeiter und (Eltern-)Medien-Trainer im Verein Smiley in Hannover. Er besucht Klassen, spricht mit den Jugendlichen über ihre Erfahrungen und berät sie wie auch Lehrer und Eltern. Am Montag hält er auf Einladung des Kinderschutzbundes in Uelzen einen Vortrag. Vorab sprach AZ-Redakteur Norman Reuter mit Moritz Becker darüber, wie Kinder heute kommunizieren, was sie in sozialen Netzwerken erleben und vor welchen Herausforderungen die Eltern stehen.

Das Handy ist zum täglichen Begleiter geworden – inzwischen auch für Kinder. Welchen Stellenwert hat das Handy für Heranwachsende und welche Rolle spielen soziale Medien und Kurznachrichtendienste wie Whatsapp, Snapchat, Facebook und Co?

Das Handy mit seinen Apps ist Briefkasten, Telefon und Fernseher in einem und die sozialen Medien und Kurznachrichtendienste wie Whatsapp sind eine Erweiterung des Schulhofs – in digitaler Form, auf dem sich Kinder über ihren Alltag austauschen.

Zum Kurznachrichtendienst Whatsapp – was sind übliche Mengen an Nachrichten, die sich Kinder täglich schicken?

300 bis 600 Nachrichten am Tag zu empfangen, ist keine Seltenheit. In Klassenchats sind es am Nachmittag schnell mal 300 Nachrichten, die von Mitschülern verschickt werden. Aber wie ich von den Jungen und Mädchen in den Klassen höre, werden die Nachrichten nicht immer auch alle gelesen. Nur wer nichts anderes zu tun hat, der widmet sich ihnen intensiver.

Können die Kinder und Jugendlichen heute überhaupt noch ohne Handy und die sozialen Medien auskommen?

Das ist eine Frage, die ich auch Kindern und Jugendlichen bei Besuchen in Klassen stelle. Die Antwort lautet von ihnen in der Regel: Ja, wir kommen auch ohne aus, aber schön wäre das nicht. Der Klassiker ist: Eltern ziehen für eine Zeit das Handy ein. In einem solchen Fall leiden jene darunter, die sich abgehängt fühlen, weil kein Kommunikationsfluss mehr herrscht. Wer sehr beliebt ist, darf damit rechnen, dass er bei einer geplanten Verabredung in jedem Fall Bescheid bekommt und auch Neuigkeiten erfährt.

Wenn das Handy und die sozialen Medien täglicher Begleiter sind – führt das dazu, dass Kinder sich seltener persönlich sehen und stattdessen vielmehr in der virtuellen Welt geschieht?

Zahlenmäßig kann man das nicht wirklich belegen. Es gibt unterschiedliche Studien mit unterschiedlichen Ergebnissen – je nachdem, wer nach was fragt. Was man aber sagen kann: Kommen Kinder vom Dorf, in dem keine Klassenkameraden leben, war es früher so, dass sie eine alternative Bezugsgruppe hatten – die Feuerwehr meinetwegen oder den Sportverein. Heute ist es so, dass ich mich durch die sozialen Medien nachmittags weiterhin mit den Menschen vernetzen kann, mit denen ich morgens in der Schule zu tun habe.

Mit denen kann ich mich nachmittags zwar nicht treffen, weil sie zu weit weg wohnen, aber mit denen wird dann online gespielt. Also kann man sagen, dass sie vielleicht weniger in direktem Kontakt etwas miteinander unternehmen. Wobei Schüler diese Auffassung nicht teilen werden – sie sagen: Ich unternehme doch jeden Tag etwas mit meinen Freunden, eben mithilfe der Technik.

Die Technik erlaubt digitale Kommunikation, man kann sich leicht vernetzen, aber es gibt auch eine Kehrseite. Was sind Auswüchse beim Umgang mit dem Handy und den sozialen Medien?

Was mich auch als Vater von zwei Töchtern betroffen macht, ist, wenn ich Schüler bei Klassenbesuchen erlebe, die beim Erzählen in Tränen ausbrechen, weil sie in Chats beleidigt wurden und nun glauben, alle hassen sie. Der Eindruck entsteht, weil von 25 Schülern sie drei beleidigt und 22 nichts geschrieben haben. 22 ist aber womöglich nichts eingefallen, wie man helfen kann, und so wird keine Gegenrede verfasst. So ist es auch fehlende Zivilcourage, die dazu führt, dass Menschen seelisch schwer verletzt werden.

Es werden auch Inhalte unter Kindern und Jugendlichen geteilt, die – ich formuliere es vorsichtig – nicht gerade für ihre Altersgruppe gedacht sind.

Es werden Videos und Inhalte verschickt, die man in dem Alter gar nicht verarbeiten kann. Ein Beispiel, das mir geschildert wurde, ist ein Video von acht Sekunden, in dem man sieht, wie Hundewelpen ertränkt werden. Erzählen Schüler davon, ist ihnen anzumerken, dass sie kaum darüber sprechen können. Auch Enthauptungsvideos kursieren.

Also am besten Kindern das Handy wegnehmen oder ihnen gar keins kaufen?

Kinder vor allem fernzuhalten, zu beschützen, mag sehr schlüssig klingen, ist aber nach meiner Einschätzung und Erfahrung wenig praktikabel. Ich müsste das Kind stark isolieren, sicherstellen, dass es nur mit solchen Kindern Kontakt hat, die auch kein Handy haben. Denn selbst wenn mein Kind – um das Beispiel zu bemühen – keine Pornofilmchen auf dem eigenen Handy gucken kann, heißt es ja nicht, dass es nicht Pornos auf dem Handy von Schulkameraden guckt.

Was heißt das in der Konsequenz?

Ob wir wollen oder nicht – wir müssen unsere Kinder schon viel früher auf diese Dinge im Leben vorbereiten. Das heißt: Wir müssen vermutlich leider Kindern schon im späten Grundschulalter klar machen, was Sexualität ist, damit sie nicht durch irgendwelche Pornofilme, die verschickt werden, maßgeblich desorientiert werden. Eltern müssen ihre Kinder auch im Medienumgang begleiten – nachfragen, ob das Kind etwas wie Beleidigungen erlebt hat, worüber es sprechen möchte. Dann wissen Kinder, dass sie mit den Eltern darüber reden können und diese dabei helfen, die Dinge einzuordnen.

Wie viel Arbeit steht für Schulen, Familien und Vereine wie Smiley noch an, um Kinder im Umgang mit dem Handy und sozialen Medien zu schulen?

2010 feierte unser Verein fünfjähriges Bestehen. Bei einer Podiumsdiskussion wurde die Frage gestellt, ob Smiley 2015 noch gebraucht wird. Damals meinten wir, dass Schulen und Eltern im Umgang mit den sozialen Medien viel geübter sein werden, sodass es keine externen Experten mehr braucht. Heute muss ich sagen: Die Annahme, die wir trafen, war grundweg falsch, weil sich das Medienangebot konstant verändert und Eltern, die sich vielleicht mit Facebook auskennen, keine Erfahrungen mit anderen Plattformen wie Snapchat oder Instagram haben.

Auch Schulen sind noch lange nicht so weit. Durch einen Lehrauftrag an der Uni Hannover für Lehramtsstudenten für Gymnasien habe ich das Gefühl, die Lehre ist noch sehr weit weg von dem, was man eigentlich in dem Bereich bräuchte. Von daher ist noch einiges in den nächsten Jahren zu tun.

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