Was sind die Herausforderungen im Kreis und was die Chancen?

Diskussion zur Flüchtlingspolitik im Kreis Uelzen: „Keiner will seine Heimat verlassen“

+
Kriege und Hunger treiben Menschen aus ihrer Heimat – in Deutschland müssen sie neu anfangen. Ein schneller Zugang zum Arbeitsmarkt helfe bei der Integration, so Jacques Voitgländer.

Uelzen. Fast zwei Stunden kreist das Mikrofon, ohne dass die Frage auftaucht. Dann meldet sich ein Mann in den hinteren Reihen: „Wieviel Asylanten verträgt Deutschland?“, will er wissen.

Ein anderer erklärt daraufhin, dass er das Gefühl habe, es würde zu wenig für die älteren Menschen getan. Das Mikrofon wandert weiter – zu Ikram Feneich: Vor fast 30 Jahren ist sie im Alter von 16 Jahren mit ihrer Familie aus dem Libanon geflohen: Sie habe ihre Heimat nicht verlassen wollen, keiner wolle das, aber es habe Krieg geherrscht. „Wir wollten in Frieden leben“, sagt sie. Dann fügt Ikram Feneich an: „Ich möchte Danke sagen, dass Deutschland uns aufgenommen hat. “ Für ihre Sätze bekommt sie Applaus im Café im Stadtgarten. Dorthin hatte der SPD-Ortsverein am Mittwochabend zu einer Podiumsdiskussion zur Flüchtlingspolitik eingeladen.

Die Sozialdemokraten wählten sich für den Abend den Titel „Forum Flüchtlingspolitik – Herausforderungen und Chancen“ und haben Bundes- und Kommunalpolitiker sowie Vertreter in der Flüchtlingsarbeit als Diskutanten gewinnen können. Was die Herausforderungen betrifft, so berichtet Jacques Voigtländer, Vorsitzender der SPD-Kreistagsfraktion, von einer steigenden Zahl von Flüchtlingen und Asylbewerbern im Landkreis, die Ende des Jahres „bei mehr als 1000 Menschen“ liegen werde. Für ihr Selbstwertgefühl, aber auch um eine schnelle Integration zu gewährleisten, sollten Migranten so schnell wie möglich eine Arbeit aufnehmen können. Die SPD-Bundestagsabgeordnete Kirsten Lühmann erinnert an Beschlüsse, wonach ein Zugang zum Arbeitsmarkt nun schon nach drei Monaten möglich sei, wenn die Arbeitsagentur nicht zu dem Ergebnis komme, dass auch ein EU-Bürger die Stelle annehmen kann.

Für einen Zugang zum Arbeitsmarkt, so meint der Uelzener Mathias Untz aus den Zuschauerreihen, sei es jedoch wichtig, dass überhaupt bekannt sei, welche Berufe die Flüchtlinge hätten. Er berichtet von einer Mieterin, bei der sich herausgestellt habe, dass sie Kieferorthopädin sei. Die Industrie- und Handelskammer Lüneburg-Wolfsburg, so Lühmann, wolle durch ein Projekt diese Misere anpacken. Wer nach Deutschland komme, solle frühzeitig angeben können, was er von Beruf sei. Uelzens Bürgermeister Jürgen Markwardt sprach in diesem Zusammenhang von den Chancen, die durch die Aufnahme von Flüchtlingen bestünden.

Es werde über den demografischen Wandel gesprochen. „Die Menschen, die zu uns kommen, sind die Einwohner von morgen“, sagt er. Anne Schorling, die lange in Äthiopien lebte, entgegnet aus dem Publikum heraus, dass diese Denkart die falsche sei. Niemand wolle, wie geäußert, seine Heimat verlassen. Die Not treibe die Menschen aus den Ländern. Durch die Entwicklungshilfe müssten Möglichkeiten geschaffen werden, dass sie wieder in ihre Heimat zurück könnten.

In der Abschlussrunde will Kirsten Lühmann die Kommentare zu den „Asylanten“ nicht unbeantwortet lassen. Ein Aufnahmestopp werde es nicht geben.

Die Politikerin erinnert daran, dass Deutschland zu anderen Zeiten weit mehr Menschen aufgenommen habe, als es wirtschaftlich nicht so gut da stand. „Auch das haben wir gewuppt.“ Jetzt werde Hilfe geleistet – wohl wissend, dass es auch Herausforderungen wie die Altersarmut gebe. „Wir gehen diese Aufgaben an, jede – ohne dass wir die einen gegen die andere ausspielen.“

Von Norman Reuter

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare