Expertinnen erklären, warum sich Schwangere für Abtreibung entscheiden – und räumen mit Vorurteilen auf

„Keine Frau macht es sich leicht“

+
Nicht für jede Frau ist die Nachricht, dass sie schwanger ist, ein Grund zur Freude. Uelzener Expertinnen bei Pro Familia und dem Lebensraum Diakonie erklären, warum sich Frauen nicht vorstellen können, ein Kind auszutragen.

Uelzen. Eine Schwangerschaft ist für viele Frauen das größte persönliche Glück. Doch es gibt auch Frauen, für die eine ungewollte Schwangerschaft aus verschiedenen Gründen eine Katastrophe bedeuten kann.

Was viele nicht wissen: Laut Gesetz ist es in Deutschland verboten, eine Schwangerschaft abzubrechen und wird mit Geld- oder Freiheitsstrafe geahndet. Allerdings besagt das Strafgesetzbuch auch, dass eine Abtreibung bis zur zwölften Schwangerschaftswoche nicht bestraft wird. Voraussetzung dafür ist, dass die Frau eine sogenannte Schwangerschaftskonfliktberatung einer anerkannten Beratungsstelle aufsucht.

In Uelzen führen Pro Familia und der Lebensraum Diakonie die Beratungen durch. Und es zeigt sich: Der bundesweite Trend, dass die Zahl an Abtreibungen in den vergangenen Jahren steigt, macht sich auch in Uelzen bemerkbar. Waren es 2008 noch 118 Konfliktberatungen, sind es im vergangenen Jahr 156. „Wie viele von den Frauen dann tatsächlich abgetrieben haben, wissen wir nicht“, erklärt Claudia von Bölow von Pro Familia. „Aber die meisten, die zu uns kommen, sind sich schon sehr sicher.“

Gelegentlich komme es vor, dass es sich eine Frau noch einmal anders überlegt. „Aber die meisten haben sich da bereits entschieden“, berichtet auch Elena Behrens, die seit Anfang des Jahres beim Lebensraum Diakonie die Beratungen durchführt.

Was auffällig ist: Es ist nicht nur die alleinstehende Frau, die sich zu einer Abtreibung entscheidet. Etwa die Hälfte der Frauen, die beraten werden, ist verheiratet oder lebt in einer Partnerschaft – und die meisten von ihnen haben bereits Kinder. Gut zwei Drittel der Frauen, die sich über eine Abtreibung informieren, sind zwischen 22 und 34 Jahren alt. „Aber es kommen gelegentlich auch Frauen 40 aufwärts zu uns“, erzählt Elena Behrens.

„Viele Frauen haben Angst, dass sie mit einem weiteren Kind ihren erreichten Lebensstandard nicht halten können“, erklärt Claudia von Bülow. „Die Arbeitsverhältnisse mit Teilzeitjobs oder befristeten Stellen haben sich leider nicht zum Besseren verändert“, nennt die Leiterin der Uelzener Pro Familia-Beratungsstelle einen – aus ihrer Erfahrung – der Hauptgründe, und noch immer hätten es Frauen in der Arbeitswelt schwerer als Männer. Die Entscheidung gegen ein weiteres Kind treffe die Frau nicht nur für sich, sondern für ihre ganze Familie. Aber in einer Sache ist sich Claudia von Bülow sicher: „Keine Frau macht es sich leicht.“

Nicht nur der finanzielle Aspekt spielt eine Rolle: Generell sei der gesellschaftliche Druck auf Frauen gewachsen, erklärt Elena Behrens. „Frauen haben dieses Rollenverständnis, alles – Beruf und Familie – unter einen Hut bekommen zu müssen. Sie haben Angst vor psychischer Überforderung.“ Und dann seien da auch noch schwierige Beziehungen zum Vater des Kindes, die der Grund dafür sind, dass die Frau das Kind nicht bekommen möchte.

Mit einem Vorurteil möchten die Beraterinnen aber aufräumen: „Es ist eine Frechheit, zu sagen, die Frau wäre zu dumm zum Verhüten“, findet Claudia von Bülow, denn nicht einmal 20 Prozent der Frauen hätten im vergangenen Jahr angegeben, nicht verhütet zu haben. Beim Großteil hätten Verhütungsmethoden wie Kondom oder Pille nicht funktioniert.

Einer Sache müsse sich jeder bewusst sein: „Das ist eine individuelle Entscheidung, die jede Frau für sich selbst treffen muss“, betont Claudia von Bülow. „Denn was wäre die Alternative, Zwangsgeburten?“

Von Sandra Hackenberg

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare