„Keine demokratische Gesinnung“

Johann MariaFarina

Uelzen - Von Marc Rath. In der Diskussion um die Umbenennung der Farina- und Seebohmstraße hat sich der Sprecher der Initiative „Keine Nazistraßen in Uelzen“, Friedhelm Klinkhammer, jetzt mit einem Brief über den Ratsvorsitzenden Ralf Munstermann (SPD) an die Mitglieder des Stadtrates gewandt. „65 Jahre nach der Befreiung von der nationalsozialistischen Diktatur in Deutschland und Europa wird es Zeit, aus dem Stadtbild jene Namen zu entfernen, die – aus welchen Gründen auch immer – mit der Nazi-Gewaltherrschaft in einen negativen Zusammenhang gebracht werden können“, fordert Klinkhammer.

Nach Überzeugung der rund 40 Unterstützer der Initiative zählen dazu „unzweifelhaft“ Bürgermeister und Ex-NSDAP-Mitglied Johann Maria Farina und der Ex-Bergwerksbesitzer und Bundesverkehrsministers Hans-Christoph Seebohm. „Beide funktionierten als Räder im Getriebe der Nazis, und haben zur Stabilisierung der Gewaltherrschaft beigetragen.“

Das Maß ihrer persönlichen Schuld sei „sicherlich nicht mit dem der Blutrichter und SS-Schergen zu vergleichen“, so Klinkhammer weiter: „Dennoch, allein schon das Schicksal ihrer Opfer, denen sie Schaden zugefügt haben, verbietet es, auch nur einen von beiden mit Straßenbenennungen zu ehren. Wenn überhaupt, dann müsste ihren Opfern oder anderen verdienten Uelzenern diese Ehre zuteil werden“, heißt es in dem Brief der Initiative, die dazu am 8. Mai auch zu einer Diskussion einlädt .

Klinkhammer geht auch auf Seebohms Rolle nach dem Zweiten Weltkrieg ein: „Er war kein ,lupenreiner‘ Demokrat, wie behauptet wird, auch nach den Maßstäben der frühen Bundesrepublik nicht.“ Konrad Adenauer habe Seebohm gegen seine persönliche Überzeugung ins erste Kabinett übernommen, weil es keine Regierungsmehrheit gegeben hätte.

Der Initiativen-Sprecher zitiert aus einer Seebohm-Rede in den Gründerjahren der Bundesrepublik – „wir neigen uns in Ehrfurcht vor jedem Symbol unseres Volkes – und ich sage ausdrücklich: vor jedem! – unter dem deutsche Menschen ihr Leben für ihr Vaterland geopfert haben.“ Klinkhammer: „Wer so redet, war damals kein Politiker mit demokratischer Gesinnung und kann es auch heute durch Schönreden nicht werden.“

Die Initiative beleuchtet in einem Dokument „Ein stets höflicher Bürgermeister in dunkler Zeit“ auch die Rolle von Johann Maria Farina. „Farina war als Bürgermeister für die Sicherheit und Unversehrtheit seiner Uelzener Bürger verantwortlich. Und was hat er getan? Die Pogromnacht am 9. 11. 1938, als auch in Uelzen Juden drangsaliert wurden und ihr Eigentum in Flammen aufging, hat es gezeigt. Farina hat nichts getan, er hat geschwiegen“, heißt es darin.

Unterdessen hat auch der Varendorfer Eckehard Niemann vor der heutigen Sitzung des Kulturausschusses um 16 Uhr im Rathaus einen Offenen Brief an die Mitglieder des Stadtrates adressiert. Ohne mit einem Wort auf die Graffiti-Aktion einzugehen, die Niemann in der vorigen Woche sein Amt als Sprecher des Dachverbandes der Bürgerinitiativen gegen die A 39 gekostet hat, fordert er darin: „Die Rolle Seebohms in der NS-Zeit und in der Bundesrepublik – unwürdig für die Beibehaltung des Namens Seebohmstraße.“

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