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Keine Ausreden mehr: Hafen-Arbeiter lernt das Schreiben und Lesen

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Von: Norman Reuter

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Sie setzen sich für Menschen ein, die ihre Schwierigkeiten mit dem Lesen und Schreiben haben. Männer und Frauen aus dem Team des sogenannten Alfa-Mobils sind gestern in Uelzen zu Besuch gewesen. Mit Uwe Boldt (links) kam auch jemand mit, der aus eigener Betroffenheit heraus berichten konnte.
Sie setzen sich für Menschen ein, die ihre Schwierigkeiten mit dem Lesen und Schreiben haben. Männer und Frauen aus dem Team des sogenannten Alfa-Mobils sind gestern in Uelzen zu Besuch gewesen. Mit Uwe Boldt (links) kam auch jemand mit, der aus eigener Betroffenheit heraus berichten konnte. © Reuter

Jeder achte Deutsche kann nicht richtig lesen oder schreiben. Das besagen Studien. Uwe Boldt hat
sich lange als Analphabet durchs Leben gekämpft, bis er den Mut fand, etwas zu ändern. Jetzt ermutigt er andere Menschen, seinem Beispiel zu folgen. Gestern war er deshalb auch in Uelzen unterwegs.

Uelzen – Es hat Zeiten gegeben, in denen sich Uwe Boldt immer wieder Ausreden einfallen ließ, um nicht zum Stift greifen zu müssen. Niemand sollte erfahren, dass er weder des Schreibens noch des Lesens mächtig war. „Ich hab das verschwiegen. Ganz bewusst“, erzählt er.

Studien besagen: Menschen wie Uwe Boldt sind längst keine Ausnahme. Janina Fuge, bei der Kreisvolkshochschule (KVHS) Uelzen/Lüchow-Dannenberg für den Bereich Grundbildung zuständig, erklärt: „Statistisch gesehen betrifft es jeden achten Deutschen, der nicht richtig lesen oder schreiben kann.“

Von funktionalen Analphabeten wird gesprochen. Uwe Boldt war, wie er erzählt, gar nicht in der Lage, ein Buch zu lesen oder ein Formular auszufüllen. In der Schule wurde er mitgeschleppt. „Ich wurde bis in die Klasse 9 versetzt. Wie es hieß, aus pädagogischen Gründen.“

Über das Arbeitsamt erhielt Boldt eine Stelle im Hamburger Hafen, war zunächst Laufbursche, der Lieferpapiere ins Büro brachte. Heute sitzt er dort in gewaltigen Kränen, ent- und belädt Schiffe mit schwerem Frachtgut. Und er kann lesen.

Über ein offenes Beratungsangebot fand er den Weg zu KVHS-Kursen, in denen er das Alphabet büffelte. Boldt erinnert sich: „Fünf Mal bin ich am Stand vorbeigelaufen. Erst beim sechsten Mal, als dort kein anderer stand, habe ich mich hingetraut.“

Er ist froh, dass er sich ein Herz gefasst hat. Das liegt inzwischen Jahre zurück. Boldt weiß aber: „Es ist immer noch ein Tabu-Thema.“ Deshalb engagiert er sich für Menschen, denen es ähnlich ergeht wie ihm einst. Mit dem Alfa-Mobil, ein Projekt des Bundesverbandes Alphabetisierung und Grundbildung, ist er gestern in Uelzen auf dem Herzogenplatz anzutreffen, um für Lernkurse zu werben.

„Wir wissen, dass es die Betroffenen gibt. Sie zu erreichen, ist schwieriger“, sagt Janina Fuge. Deshalb zeige man Flagge mit dem Alfa-Mobil. „Damit erreichen wir auch das mitwissende Umfeld von Betroffenen. Freunde, Verwandte, vielleicht den Arbeitgeber“, so Juliane Averdung vom Alfa-Mobil.

Schwieriger als das Lesen fällt Uwe Boldt noch das Schreiben. „Ich schreibe erst das Wort richtig. Dann streiche ich es durch, und schreibe es falsch. Da fehlt es noch am Selbstvertrauen, was das angeht“, sagt er.

Im Zeitalter der elektronischen Medien und des Smartphones sind Programme kleine Helfer für Analphabeten geworden. Boldt gesteht, dass auch er noch solche Programme nutzt. „Täglich.“ Er weiß aber auch: Es gibt Situationen im Leben, in denen er doch auf sich gestellt ist. „Wenn ich bei einem neuen Arzt bin, den Fragebogen ausfüllen muss, ist das schwierig.“ Dann gehe er offen damit um, wende sich an die Sprechstunden-Hilfe.

Die Zeiten der Ausreden sind also vorbei. Es gebe ihm ein gutes Gefühl, wenn er andere motivieren könne, ihre Rechtschreib- und Leseschwäche auch anzupacken, sagt er.

In den ersten Stunden, in denen das Alfa-Mobil gestern auf dem Uelzener Herzogenplatz steht, können zwei Namen von Betroffenen notiert werden, die sich für einen Kurs interessieren.

Beratungsangebote für Betroffene

Selbsthilfegruppe
„Wortblind“, Lüneburg
(0163) 83 35 520

Beratung am Alfa-Telefon: (0800) 53 33 44 55

Informationen zu Lernkursen an der KVHS Uelzen/Lüchow-Dannenberg: Janina Fuge, (05 81) 97 64 917

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