Gemischte Reaktionen auf Sterbehilfe-Urteil des Bundesverfassungsgerichts

Uelzen: „Kein Suizid aus einer Angst heraus“

Ende Februar kippte das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe das Verbot der geschäftsmäßigen Sterbehilfe. Die Reaktionen fallen unterschiedlich aus.
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Ende Februar kippte das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe das Verbot der geschäftsmäßigen Sterbehilfe. Die Reaktionen fallen unterschiedlich aus.

Uelzen – Vom „Recht des selbstbestimmten Sterbens“ sprach Andreas Voßkuhle, Präsident des Bundesverfassungsgerichts, als Deutschlands höchste juristische Instanz das Verbot geschäftsmäßiger Sterbehilfe vor kurzem als verfassungswidrig einstufte.

Der Richterspruch ist seitdem viel diskutiert und nicht unumstritten.

In Uelzen trifft das Urteil auf gemischte Reaktionen. Im Hospiz Am Stadtwald ist man laut Geschäftsleiterin Manuela Remmert „überzeugt von der Idee der freien, selbstbestimmten Individualität eines jeden Menschen.“ Dieses freie Handeln setze jedoch voraus, dass den Betroffenen alle Handlungsmöglichkeiten bekannt sind.

In die Richtung einer Sterbehilfe wolle Remmert daher nicht denken, denn „der Hospiz-Gedanke ist ein ganz anderer“. Vielmehr wolle man kranken Menschen die letzten Tage so angenehm wie möglich machen, unter anderem durch schmerzlindernde Medikation oder Seelsorge.

Die Entscheidung zum Suizid dürfe „nicht aus einer Angst heraus und ohne Kenntnis von Alternativen getroffen werden“, so Remmert. Zudem zeigt sie sich besorgt über einen möglichen Druck zum Suizid, um anderen nicht zur Last zu fallen, oder aus monetären Interessen. „Wir sehen die geschäftsmäßige Unterstützung bei einem Suizidersuchen deshalb als hochproblematisch an“, so Remmerts Fazit.

Auch Jörg Hagen, Propst der ev.-luth. Kirchengemeinde St. Marien in Uelzen, blickt zwiegespalten auf das Urteil. „Diese Entscheidung liegt zwischen zwei Polen“, meint Hagen. Einerseits gebe und nehme nach christlicher Lehre Gott den Menschen das Leben. „Wir verfügen nicht über eigene Verfügungsrechte über Anfang und Ende unseres Lebens“, sagt Jörg Hagen auf AZ-Nachfrage.

Dem gegenüber stehe andererseits das Konzept des Menschen als Wesen der Freiheit und der damit einhergehenden Freiheit, das eigene Leben zu gestalten. „Man kann kein generelles Urteil fällen“, überlegt Hagen.

In Hinblick auf eine assistierte Selbsttötung fordert Hagen ein genaues Reglement. Es dürfe kein „moralischer Druck“ entstehen, der Menschen dazu dränge, ihr Leben zu beenden.

„Mir war es immer wichtig, auf die Spannung zwischen Gabe und Freiheit des Lebens hinzuweisen“, sagt Hagen. Dabei spiele die Art des Sterbens keine Rolle: „Wir alle werden mit dem Tod in die Liebe Gottes eingehen“, ist sich der Propst sicher.

Im Helios Klinikum Uelzen sieht man sich vom Urteil der Richter kaum betroffen. Da es die Aufgabe der Ärzte sei, Leben zu erhalten, „sehen wir unsere Aufgabe daher in erster Linie darin, unseren Patienten auf ihrem Weg beizustehen, indem wir sie medizinisch und menschlich bestmöglich betreuen“, teilt Prof. Dr. Ralf Burger, Leiter der Ethik-Kommission, mit.

Über eine Sterbehilfe könne nur von Fall zu Fall entschieden werden, wobei die Äußerung eines Sterbewunsches keinesfalls als Handlungsaufforderung verstanden werden dürfe. In entsprechenden Fällen, die nur selten vorkämen, sei man aber mit geschulten Pflegekräften und Ärzten zur Beratung gewappnet.

VON DANIEL BIELING

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