Autor Ingo Schulze lässt seine Romanfigur Peter Holtz den Kapitalismus erleben

Kein Glück mit dem Geld

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Ingo Schulze erzählt die Geschichte eines Sozialisten, der zum Kapitalisten mutiert. 

Uelzen. „Man kann sein Geld nicht mit Anstand loswerden!“ Diese Erkenntnis kommt Peter Holtz recht spät. Da sitzt er als „ökonomischer Häftling“ ein und wird im Heim mit großer Nachsicht behandelt.

Wie es dazu kommen konnte, schildert Ingo Schulze am Donnerstagabend bei den „Weingeistern“.

Die Geschichte des Peter Holtz beginnt im Jahre 1974, acht Tage vor seinem zwölften Geburtstag. Peter ist aus dem Kinderheim ausgebüxt, in dem er zu einem guten Mitglied der sozialistischen Volksgemeinschaft der DDR erzogen werden soll. Nun hat er sich in einem Ausflugslokal sattgegessen, hat auch etwas getrunken und versucht der Bedienung klarzumachen, dass er kein Geld habe, um seine Zeche zu bezahlen. „Unsere Gesellschaft“, so hat er es gelernt, „muss ja, solange ich Kind bin, eh für mich sorgen“ und so sei es auch nicht nötig, sein Eisbein zu bezahlen.

Geld ist für ihn nur ein Durchlaufposten: „Warum soll mir die Gesellschaft das Geld erst aushändigen, wenn dieses Geld über kurz oder lang sowieso wieder bei ihr landet?“ Der Kellnerin indes fehlt das Verständnis für diesen Sachverhalt – „Bei dir piept’s ja“ ist ihre Antwort.

Dass ausgerechnet er, den Ingo Schulze sagen lässt „Welche Wohltat, ohne Geld auszukommen“, durch seine Naivität, gepaart mit grenzenloser Gutmütigkeit und einem unerschütterlichen Glauben an die Thesen des real existierenden Sozialismus‘, zu einem steinreichen Kapitalisten mutiert, ist eine Geschichte, die an „Simplizissimus“ oder an „Forrest Gump“ denken lässt. Häufig begleitet lautes Gelächter die Lesung in der Ratsweinhandlung, der Vorleser muss selber schmunzeln. Und doch ist es kein Schelmenroman im klassischen Sinne.

Peter Holtz will alles richtig machen. Und gerät dadurch von einem Schlamassel ins nächste. In die Ost-CDU tritt er ein, um denen deutlich zu machen, dass echtes Christentum nur im Kommunismus möglich sei. Prompt wird er deren Vorsitzender. Einer alten Dame kann er nicht widerstehen, als die ihm einige Häuser überschreibt, deren Sanierung sie aus den niedrigen Mieten nicht finanzieren kann. Peter Holtz aber ist ein guter Handwerker … letztlich nennt er 15 Häuser sein eigen, die ihm die vorherigen Besitzer geradezu haben aufschwatzen müssen. Dann kommt die Wende und die Bruchbuden sind auf einmal Millionen wert. Peter kann machen, was er will – er wird immer reicher und dicker. Er fühlt sich wie das Mädchen in dem Märchen vom Sterntaler.

Ingo Schulze zeigt mit der Figur des Peter Holtz, welche Auswüchse der Kapitalismus hervorbringen kann. Peter erlebt, dass, wer einmal zu Geld gekommen ist, immer mehr Geld dazubekommt. Doch er sieht auch, dass Geld nicht glücklich macht. Seine zahlreichen Versuche, sich seines Besitzes und seines Geldes zu entledigen, bringen ihn am Schluss in die „Geschlossene“ – hier ist für ihn die Welt in Ordnung.

Von Folkert Frels

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