Meteorologe Reinhard Zakrzewski blickt auf die norddeutsche Jahrhundertkälte im März

Kehren kalte Winter zurück?

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Kaum jemand erinnert sich gerne an den rauhen Winter der vergangenen Monate zurück.

Landkreis. Der lange Winter ist endlich dem Frühling gewichen. Und so wollen wir nur noch von Sonne und Wärme hören und nicht mehr über das Eis und den Schnee von gestern nachdenken.

Trotzdem lohnt es sich – mit einem gewissen Abstand zum Geschehen – vielleicht gerade jetzt einen wissenschaftlichen Blick auf den bemerkenswert kalten März zu werfen, denn bekanntermaßen ist nach dem Winter gleich vor dem Winter.

Reinhard Zakrzewski

Nach den wettermäßig eher unauffälligen Wintermonaten Dezember bis Februar, wartete der März völlig unerwartet mit einer spektakulären russischen Kältewelle auf. Hinsichtlich ihrer Intensität war sie für Norddeutschland ein Jahrhundertereignis, die über volle vier Wochen bis in die erste Aprildekade dauerte. Dabei zeigten die Durchschnittstemperaturen in Nordostniedersachsen von Dezember bis März einen stetigen Abwärtstrend (Uelzen: Dezember plus 1,6 ˚C, Januar plus 0,4˚C, Februar 0,0˚C, März minus 0,7˚C). Mit dieser niedrigen Mitteltemperatur wurde der März im nordöstlichen Niedersachsen zum mit Abstand kältesten Monat des Winters. Dabei konnte die Kälte der zweiten Monatsdekade (Uelzen minus 2,4˚C) nur noch von der mittleren Januardekade unterboten werden, die es in unserer Region auf durchschnittlich minus 4,0˚C brachte. Auch dass der März diesmal um sage und schreibe 8,1 ˚C kälter war als im vergangenen Jahr, macht seine Ausnahmestellung deutlich.

Ähnliche scharfe aber wesentlich kürzere Kaltlufteinbrüche aus Nordosten gab es in den vergangen Jahren häufiger. Zuletzt Ende Januar/Anfang Februar 2012 und davor im ersten Dezemberdrittel 2010, jeweils eingebettet in einen eher normal temperierten Winter. Den enormen Ausreißer dieses März zeigt auch die säkulare Potsdamer Temperaturreihe, in dem er mit einer Durchschnittstemperatur von minus 0,7˚C, knapp hinter 1917, der zweitkälteste seit Beginn der Messungen (1893) war. Rechnet man die Klimaerwärmung von linear 0,8˚C , so erlebten wir nicht nur in Potsdam den mit Abstand kältesten März seit mindestens 120 Jahren.

Stellt sich die Frage, ob wir mit solcher Extremkälte in Zukunft häufiger rechnen müssen? Schon 2010 legten wissenschaftliche Studien, die am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und dem Kieler Leibniz-Institut für Meeresforschung durchgeführt wurden, einen Zusammenhang von derartigen Kaltluftausbrüchen und dem Schwund des winterlichen Meereis vor Nordeuropa (Barents-/Karasee) nahe. Im vergangenen Jahr konnten Forscher am Alfred-Wegner Institut in Bremerhaven diese These erstmals auch anhand von Messdaten der Meereisausdehnung und Luftdruckverteilung untermauern. In die gleiche Richtung weisen neueste Studien aus den USA und China.

Demnach führt ein mittlerer Rückgang des winterlichen Meereises vor Nordeuropa (Barents- und Karasee) in der Größenordnung von Deutschland, wie wir ihn zur Zeit beobachten, zu mehr Wärme und Feuchtigkeit in die polaren Atmosphäre und damit offenbar zu einer Änderung der Luftdruckverhältnisse im atlantisch-europäischen Raum, wie folgt: „abnorm hoher Luftdruck von Grönland bis Skandinavien mit Blockierung der Westwinde bei gleichzeitigen Nordostwinden aus Russland Richtung Mitteleuropa“. Das würde ähnlich wie in diesem März bedeuten: „viel zu niedrige Temperaturen von Sibirien bis Westeuropa, eine Wärmeblase mit Zentrum Labradorsee, die im Westen von einem Kälteband von Kanada bis zum Golf von Mexiko flankiert wäre“. Träfe dieses Szenario zu, worauf vieles hindeutet, ist nach Ansicht der an den Studien beteiligten Wissenschaftler, in Mitteleuropa maximal eine Verdreifachung der kalten Winterextreme zu erwarten. Paradoxer Weise trotz oder wegen der globalen Erwärmung.

Trotzdem müssen wir uns nicht unbedingt auf kältere Winter einstellen. In unseren von atlantischen Westwinden geprägten gemäßigten Breiten wird es einen Wechsel aus milden und kalten Witterungsphasen immer geben. Des einen Leid, des anderen Freud: Bei einem weiteren Rückgang der arktischen Eisflächen und der damit verbundenen höheren Luftfeuchtigkeit im Polargebiet ist in Ost- und Mitteleuropa allerdings in Zukunft mit mehr Schnee im Winter zu rechnen.

Von Reinhard Zakrzewski

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