Kampf um Lautstärkehoheit

Peter Sodann las im Schloss.

Uelzen-Holdenstedt - Von Barbara Kaiser. Dieser Auftakt des letzten Wochenendes in Holdenstedt wird wohl nicht zu den Glanzlichtern 2010 gezählt werden können. Unter dem Motto „Herzensduette…“ – hier stockt man schon, denn am Flügel saßen zu vier Händen Ljiljana Borota und Christian Knebel; und was sie interpretatorisch boten, klang sehr wenig nach Herz, war eher Kampf um die Lautstärkenhoheit.

Ihre Partituren: Eine Uraufführung, eine kleine Etüde des 18-jährigen Robert Schumann, Variationen über ein Thema des Prinzen Louis Ferdinand, eher Fingerübung vielleicht, sehr beethövlich auf jeden Fall. Eine Polonaise, gleichfalls aus der Feder des 18-jährigen Knaben. „Bilder aus dem Osten“, sechs Impromptus – charakteristische Klavierstücke – der Anlass hierfür die Lese-Erfahrung des Komponisten über einen arabischen Eulenspiegel. Dazu aus diversen Sammlungen vierhändiger Klavierstücke Ausschnitte.

Die zwei Pianisten, vor allem Christian Knebel, sorgten für ziemlichen Dauerdonner auf der Tastatur, hin und wieder unsauberen dazu. Hier wurden die Noten unsensibel zuschanden geritten und die Nerven des Zuhörers zerhämmert. Es bleibt bitterschade, dass man diese schöne Musik nicht anderen Interpreten anvertraute.

Der Promi-Gast des Jahres, zuständig für den literarischen Teil, war Peter Sodann, der seltsamerweise nicht für ein ausverkauftes Haus zu sorgen vermochte. Sein Auftritt wurde bereits nach dem ersten Satz mit der Aufforderung: „Lauter!“ unterbrochen. Sodann, ein wenig irritiert, hatte es wohl geahnt, denn er muss die schlechte Akustik des Saales vorher zur Kenntnis genommen haben. Zum mangelhaften Verständnis kam die Sprechkultur des Mimen, die keinesfalls die eines großen Deklamierers ist. So las sich der 74-Jährige durch Heinrich Heines „Harzreise“ und die „Memoiren des Herrn von Schnabelewopski“. Zum Glück stehen die im heimischen Bücherregal zum Nachschlagen. Aber zumindest die Schmähungen der Stadt Göttingen kamen gut an, und die Beschreibung der beiden Damen im Gasthaus zu Nordheim, die eine mit einer „Brust, trostlos öde wie die Lüneburger Heide“, hatte ihre Lacher.

Keine Sternstunde also. Klavierspiel, das viel zu oft der Annahme unterlag, Fortissimo sei Ausdruck. Und ein Sprecher, der von Heinrich Heine ganz anderes übrigens viel besser findet!

Vor genau einer Woche hat er mit Abgeordneten der Linksfraktion im Bundestag in einer Feierstunde Dokumente gelesen, die an den Wahlsieg der Unidad Popular vor 40 Jahren in Chile erinnern sollten. Da sprach er den Salvador Allende, den Staatsmann, der drei Jahre später blutig hinweggeputscht werden sollte. Als ein 11. September (1973) schon einmal Schreckenstag war...

Peter Sodann in Uelzen

Am Freitag kam er in die Heide gereist, um Heinrich-Heine-Texten Stimme zu geben. Wie kriegt er das zusammen? „Heine immer!“, erwidert Schauspieler Peter Sodann im AZ-Gespräch, „denn ich war früh rebellisch.“ Und Allende? „Ich habe schon immer versucht, die Welt zu verändern… Naja, wir brauchen noch viel Zeit dafür.“

Den Heine, den er bei den Schlosswochen zu lesen hatte, hält er „nicht gerade für das Bedeutendste“ des Dichters, bekennt der frühere Tatort-Kommissar, der nicht umsonst den Namen Ehrlicher trug. Was dann?

„Denk ich an Deutschland in der Nacht,/Dann bin ich um den Schlaf gebracht.“, zitiert er Heines französische „Nachgedanken“, die nach über 150 Jahren immer noch stimmen. Und dann ist Sodann gleich bei Adenauer und dass man den doch wieder mal ausgraben sollte, das Parteiprogramm der CDU von 1947 jedenfalls.

Man weiß nicht, wann der Mime kokettiert und wo er den altersweisen Narren (wessen?) gibt. Wenn er agitiert oder laut nachdenkt? Auf jeden Fall ist er kein Angepasster.

In den Westen führe er ganz gerne, sagt er noch, ehe zu seinem Auftritt eilt. Auch, um die Leute an Adenauer zu erinnern….

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